Sechs Spiele, sechs Niederlagen, null Punkte. Nach dem 1:2 gegen Hoffenheim steht Borussia Mönchengladbach vor einem Bundesliga-Negativrekord. Die Abstiegsgefahr ist real. Entscheidend wird jetzt, ob Alexander Blessin aus einer verunsicherten Mannschaft wieder ein Team mit verlässlichen Abläufen formen kann.
Ein Kommentar von Lucas
Mit acht erzielten Toren und 20 Gegentreffern steht Borussia nach sechs Spieltagen am Tabellenende. Diese Bilanz lässt sich mit einem schwierigen Auftaktprogramm oder einzelnen unglücklichen Situationen längst nicht mehr ausreichend erklären. Dafür wiederholen sich die Rückschläge zu häufig. Dafür gelingt es zu selten, aus eigenen guten Momenten wenigstens einen Punkt mitzunehmen.
In Stuttgart droht nun eine historische Marke: Verliert Borussia auch dort, wäre sie der erste Verein der Bundesliga-Geschichte, der seine ersten sieben Saisonspiele allesamt verliert. Sechs Auftaktniederlagen kassierten zuvor Fortuna Düsseldorf 1991/92, Mainz 05 2020/21 und der VfL Bochum 2022/23. Den Rekord für diese Niederlagenserie hat Borussia bereits eingestellt. Am Freitag könnte sie ihn allein halten.
Wie wenig Halt diese Mannschaft aktuell findet, zeigte das Hoffenheim-Spiel ausgerechnet in ihrer besten Phase. Wael Mohya erzielte in der 49. Minute den Ausgleich. Endlich gab es einen Moment, an dem sich Borussia hätte aufrichten können. Kaum fünf Minuten später führte Hoffenheim wieder. Der kurze Aufschwung brachte keine anhaltende Stabilität.
Gerade darin liegt das Alarmierende. Ein eigener Treffer müsste helfen, Entscheidungen wieder mit mehr Überzeugung zu treffen. Gegen Hoffenheim reichte er nicht einmal, um die folgende Spielphase unbeschadet zu überstehen. Später boten sich den Gästen weitere Möglichkeiten. Moritz Nicolas und das ebenfalls vorliegende Formtief der TSG verhinderten einen höheren Rückstand. Das knappe Ergebnis darf deshalb den Blick auf den Spielverlauf nicht verstellen. Ein Gegner, der besser in der Saison ist als die TSG, hätte am Ende sicherlich auch drei oder vier Tore erzielen können.
Auch offensiv ist Vorsicht mit den positiven Ansätzen geboten. Die DFL weist für Borussia lediglich 0,86 xG aus. Mohyas erfolgreicher Abschluss hatte nach ihrem Modell eine Torwahrscheinlichkeit von fünf Prozent. Das würdigt seine individuelle Qualität und zeigt zugleich, wie anspruchsvoll dieser Abschluss war. Für eine Aufholjagd braucht Borussia regelmäßig Chancen, die leichter zu verwerten sind.
Blessins Worte vom „Angsthasenfußball“ treffen die Verunsicherung, die nach solchen Ergebnissen naheliegt. Als Arbeitsauftrag genügt diese Diagnose kaum. Wer nach sechs Niederlagen am Ball zögert, braucht konkrete Lösungen: eine erkennbare Anspielstation, Unterstützung nach einem Ballverlust und die Gewissheit, dass hinter dem eigenen Herausrücken jemand absichert. Selbstvertrauen kann durch funktionierende Abläufe wachsen. Darauf zu warten, dass es vor dem nächsten Spiel plötzlich zurückkehrt, wäre fahrlässig.
Ist der Abstieg damit unvermeidlich? Nein. Von den drei bisherigen Bundesligisten mit sechs Auftaktniederlagen stieg nur Düsseldorf am Saisonende ab. Mainz und Bochum hielten die Klasse. Diese Beispiele belegen, dass eine Rettung möglich bleibt. Eine belastbare Wahrscheinlichkeit für Borussias Saison lässt sich aus drei Fällen allerdings nicht ableiten.
Auch die eigene Geschichte bietet einen Anknüpfungspunkt: 2015/16 wurde Borussia nach fünf Niederlagen zum Auftakt noch Vierter. Das zeigt, wie stark sich eine Saison verändern kann. Die damalige Mannschaft und ihre Voraussetzungen lassen sich allerdings nicht auf heute übertragen.
Die gegenwärtigen Hoffnungszeichen sind kleiner. Eines war die Entstehung des Ausgleichs: Neuhaus trieb den Ball durchs Mittelfeld, Mohya zog nach innen und schloss ab. In dieser Szene gelang es Borussia, mit Tempo Raum zu gewinnen und einen Spieler in eine gefährliche Position zu bringen. Solche Aktionen müssen häufiger werden. Mohyas Talent hilft dabei. Die Verantwortung für den Weg aus der Krise muss die Mannschaft gemeinsam tragen.
Für die kommenden Wochen besteht zumindest die Aussicht auf personelle Entlastung. Honorat und Itakura stehen laut Vereinsangaben vor der Rückkehr ins Mannschaftstraining. Castrop und Kühn trainieren bereits wieder mit dem Team und könnten nach dem Stuttgart-Spiel wieder Optionen sein. Für die Partie beim VfB bleibt die Lage jedoch angespannt. Mit Tim Kleindienst und Shootingstar Jan Leszczyński fehlen weiterhin potenziell wichtige Spieler. Die erhofften Rückkehrer können Blessins Möglichkeiten gegen Stuttgart noch nicht erweitern.
Mit dem kurzfristigen Ausfall von Ersatzkapitän Kevin Diks verschärft sich die Personallage weiter. Insgesamt fehlen Borussia damit inzwischen zehn Spieler. Besonders dramatisch ist die Situation in der Innenverteidigung: Mit Fabio Chiarodia steht nur noch ein gelernter Innenverteidiger aus dem Profikader zur Verfügung. Dabei war der Italiener als Innenverteidiger Nummer vier in die Saison gegangen. Neben ihm dürfte Blessin die Dreierkette mit dem gelernten defensiven Mittelfeldspieler Philipp Sander und Rechtsverteidiger Daiki Hashioka besetzen müssen. Ausgerechnet die Defensive, die nach 20 Gegentoren dringend Stabilität braucht, muss damit erneut umgebaut werden.
Zusätzlich fällt gegen Stuttgart mit Isac Lidberg auch noch der Ersatz für Tim Kleindienst aus. Im Sturmzentrum dürfte deshalb Shuto Machino beginnen. Der Japaner hat seit seinem Wechsel zur Borussia bislang nicht die Leistungen gezeigt, die man sich von ihm erhofft hatte. Nun braucht ihn die Mannschaft in einer Situation, in der kaum Zeit bleibt, auf einen Formanstieg zu warten. Für Machino ist es zugleich die Gelegenheit, Verantwortung zu übernehmen und sich neues Vertrauen zu erarbeiten.
Neben Iaia Manco Danfa dürfte auch der 18-jährige Josiah Uwakhonye als weitere offensive Alternative im Kader stehen. Damit rückt der Fohlenstall zwangsläufig noch stärker in den Mittelpunkt. Mit Mohya, Nguefack, Danfa und Uwakhonye sowie dem derzeit ebenfalls verletzten Fritz Fleck besitzt Borussia eine Gruppe junger Spieler, deren Entwicklung dem Verein eine Perspektive geben kann.
Borussia bleibt angesichts der vielen Ausfälle kaum eine Wahl: Sie muss diese Nachrücker als Chance begreifen, den vielbeschworenen „Fohlenweg“ mit Leben zu füllen. Dazu gehören echte Einsatzchancen, Vertrauen und die Bereitschaft, Fehler als Teil ihrer Entwicklung zu akzeptieren. Die jungen Spieler können mit ihrem Mut und ihrer Unbekümmertheit neue Impulse geben. Die erfahrenen Profis und das Trainerteam bleiben dabei in der Pflicht, ihnen Halt und Orientierung zu geben. Eine Chance für den Nachwuchs entsteht erst dann, wenn er auch unter Druck die Unterstützung bekommt, die er für seine Entwicklung braucht.
Für Blessin beginnt die Arbeit deshalb bei der Verlässlichkeit gegen den Ball. 20 Gegentore sind eine Hypothek, die eine ohnehin verunsicherte Offensive kaum ausgleichen kann. Die Abstände zwischen Abwehr und Mittelfeld müssen stimmen, das Anlaufen muss gemeinsam erfolgen, und bei Angriffen braucht es eine Absicherung für den möglichen Ballverlust. Daran sollte sich die Entwicklung in den kommenden Spielen messen lassen.
Ein einzelner Spieler, der den Gegner anläuft, während seine Mitspieler abwarten, löst das Problem nicht. Ebenso wenig hilft eine tief stehende Mannschaft, die sich anschließend kaum noch befreien kann. Borussia braucht gemeinsam getroffene Entscheidungen darüber, wann sie Druck ausübt und wann sie Räume schließt. Für eine Mannschaft in dieser Lage kann es sinnvoll sein, zunächst weniger Dinge zu verlangen und diese dafür konsequent umzusetzen.
Mit Ball braucht es dieselbe Klarheit. Ein Rückpass kann sinnvoll sein, wenn er einen neuen Angriffsweg öffnet. Folgt darauf nur der nächste Rückpass, verschiebt sich die Verantwortung bis zum erzwungenen langen Ball. Blessins Aufgabe ist es, den Spielern Auswege anzubieten: erreichbare Mitspieler zwischen den Linien, Unterstützung auf den Außenbahnen und klare Bewegungen für den nächsten Pass. Der Appell zu mehr Mut muss auf dem Trainingsplatz einen konkreten Inhalt bekommen.
Zwei Ligaspiele unter Blessin reichen nicht, um seine gesamte Arbeit zu bewerten. Sie reichen sehr wohl, um festzustellen, dass der Trainerwechsel bislang keine Punkte gebracht hat. Er braucht Trainingszeit und muss zugleich zeitnah Fortschritte erzeugen. Auch ein erkämpftes Unentschieden wäre dafür wertvoll: als erster Ertrag einer Leistung, die über mehrere Spielphasen trägt.
Die Verantwortung endet dabei keineswegs beim Trainer. Die sportliche Führung muss sich daran messen lassen, welchen Kader sie zusammengestellt und welche Voraussetzungen sie für diese Saison geschaffen hat. Von der Mannschaft Geschlossenheit einzufordern, verpflichtet auch die Verantwortlichen zu Klarheit. Dazu gehören eine ehrliche Bewertung der Probleme und die Frage, welche davon intern zu lösen sind. Auf mögliche Wintertransfers zu warten, wäre angesichts der noch ausstehenden Hinrundenspiele gefährlich.
Den Fans lässt sich die Aufgabe, den Verein aus dieser Lage zu tragen, kaum aufladen. Wer diese Bilanz erlebt, darf wütend, enttäuscht und erschöpft sein. Die Mannschaft kann den Rückhalt am ehesten stärken, indem sie auf dem Platz wieder etwas anbietet, an das man anknüpfen kann: gegenseitige Hilfe, Konsequenz in den Zweikämpfen und erkennbare Lösungen nach Rückschlägen.
In Stuttgart geht es deshalb um mehr als das Vermeiden eines Rekords. Borussia muss zeigen, dass sie über längere Phasen bestehen kann. Ein Punkt hätte in dieser Situation einen erheblichen Wert.
Noch bleiben 28 Ligaspiele. Der Abstieg ist noch vermeidbar, und Borussia verfügt weiterhin über Ansatzpunkte für eine Verbesserung. Die Dringlichkeit wächst mit jedem Wochenende, an dem diese Ansätze ohne Ertrag bleiben. Hoffnung entsteht jetzt dort, wo aus einer guten Szene eine gute Phase wird und aus einer guten Phase endlich ein Ergebnis.


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