Alexander Blessin könnte Borussia Mönchengladbach helfen. Gerade seine Fähigkeit, Mannschaften defensiv zu organisieren, macht ihn in der aktuellen Lage interessant. Die Zweifel beginnen dort, wo aus kurzfristiger Stabilisierung eine längerfristige spielerische Entwicklung werden soll. Für eine faire Bewertung muss Borussia zunächst klären, welchen Auftrag der nächste Trainer überhaupt erfüllen soll.
Ein Analyse von Lucas
Drei eigene Tore, vier Gegentreffer, wieder keine Punkte. Das Heimspiel gegen Mainz hat Borussias Problem auf eine schmerzhafte Weise verdichtet: Selbst eine ordentliche offensive Ausbeute reicht derzeit nicht, um ein Bundesligaspiel erfolgreich zu gestalten. Drei Gegentore entstanden im Anschluss an gegnerische Standardsituationen. Wer über den nächsten Trainer nachdenkt, landet deshalb sehr schnell bei den Grundlagen des Verteidigens.

Damit bekommt die Diskussion über Alexander Blessin eine andere Gewichtung. Seine mögliche Verpflichtung lässt sich durchaus kritisch sehen und trotzdem für nachvollziehbar halten. Denn die Frage nach dem Trainer, der Borussia über mehrere Jahre spielerisch entwickelt, kann zu einer anderen Antwort führen als die Frage, wer dieser Mannschaft jetzt wieder Verlässlichkeit gibt.
Für Letzteres bringt Blessin Argumente mit. Besonders anschaulich ist sein Start beim CFC Genua: In den ersten neun Ligaspielen unter ihm kassierte die Mannschaft lediglich drei Gegentore. Gleichzeitig erzielte sie selbst aber auch nur drei Treffer. Sieben Unentschieden, ein Sieg und eine Niederlage ergaben zehn Punkte. Diese Bilanz beschreibt ziemlich genau das Spannungsfeld, um das es auch in Gladbach gehen würde: Die Mannschaft wurde schwerer zu schlagen, gewann aber nur selten.

Auch seine erste Bundesliga-Saison mit St. Pauli liefert dafür ein Beispiel. 41 Gegentore bedeuteten 2024/25 die zweitbeste Defensivbilanz der Liga. Dem standen jedoch auch lediglich 28 eigene Treffer gegenüber, die wenigsten aller Bundesligisten. Für einen Aufsteiger war der Klassenerhalt ein Erfolg. Gleichzeitig blieb erkennbar, wie stark die Mannschaft auf ihre defensive Organisation angewiesen war.
Diese Leistung verdient Anerkennung. Gerade Mannschaften mit begrenzten individuellen Möglichkeiten brauchen einen Trainer, der ihre Schwächen durch passende Abstände, klare Aufgaben und gemeinsames Verhalten auffängt. Dass Blessin das grundsätzlich kann, ist ein wesentliches Argument für ihn. Borussia müsste allerdings prüfen, wie zuverlässig sich diese Stärke auf die eigenen Voraussetzungen übertragen lässt.
Taktisch wäre bei einer Verpflichtung eine Fünferkette gegen den Ball naheliegend. In seiner Zeit bei St. Pauli waren dabei sowohl ein 5-2-3 als auch ein 5-4-1 zu sehen. Besonders im 5-2-3 konnte das Zentrum eng gehalten und der Gegner nach außen gelenkt werden. Dort sollte durch abgestimmtes Herausrücken Druck entstehen. Diese defensive Orientierung bedeutete also keineswegs, dass seine Mannschaft ausschließlich tief am eigenen Strafraum wartete.

Für Gladbach wäre zunächst entscheidend, dass dieses Herausrücken gemeinsam erfolgt. Wenn der Schienenspieler nach vorne verteidigt, braucht er Unterstützung im Halbraum. Wenn ein Innenverteidiger einen Gegner verfolgt, muss sein Rücken abgesichert werden. Bleiben diese Bewegungen unverbunden, entstehen trotz fünf Verteidigern offene Räume. Die Zahl der Abwehrspieler allein wird Borussias Probleme nicht lösen.
Mit Ball stellt sich die schwierigere Frage. In St. Paulis Spiel waren zunächst Verbindungen erkennbar, die bereits unter Fabian Hürzeler angelegt worden waren: mehrere Spieler in Ballnähe, kurze Abstände und Kombinationen, aus denen heraus die Tiefe attackiert werden konnte. Gerade die Halbräume, also die Zonen zwischen Zentrum und Außenbahn, boten dafür wichtige Verbindungen. Zwei dort positionierte Angreifer konnten unterschiedliche Aufgaben übernehmen: einer entgegenkommen, der andere hinter die gegnerische Abwehr starten.
Eric Smith war in diesem Zusammenhang eine wichtige Verbindung zwischen Abwehr und Mittelfeld. Sein situatives Vorrücken aus der zentralen Innenverteidigung auf die Sechserposition veränderte die Besetzung des Zentrums. Damit ließ sich aus einer zunächst tieferen Ausgangsordnung ein zusätzlicher Anspielpunkt vor der Abwehr schaffen. Solche Übergänge gehörten zu den Elementen, an die Blessin anknüpfen konnte.
Genau hier liegt der zentrale Vorbehalt: Wie viel von der zunächst funktionierenden Offensive war eine Weiterverwendung vorhandener Abläufe? Und wie viel war eine eigenständige Entwicklung unter Blessin? Bestehende Strukturen zu erkennen, zu erhalten und an ein höheres Niveau anzupassen, ist bereits eine Trainerleistung. Die Fähigkeit, eine Mannschaft offensiv von Grund auf neu zu organisieren, ist damit jedoch noch nicht belegt.
Die kritische Lesart seiner Pauli-Zeit lautet daher: Mit wachsendem Abstand zur Hürzeler-Phase ging die Qualität dieser Verbindungen verloren, ohne ausreichend durch neue Lösungen ersetzt zu werden. Das ist eine Interpretation der Entwicklung, keine sauber isolierbare Ursache. Spielerwechsel und individuelle Qualität gehören ebenfalls in die Bewertung. Der Abstieg 2025/26 und die anschließende Trennung verhindern aber, dass allein die starke erste Saison als Beleg für dauerhafte Stabilität dienen kann.
Hinter dieser Kritik steckt ein grundsätzliches Problem: Eine Mannschaft kann ihre Defensive auch durch funktionierenden eigenen Ballbesitz entlasten. Fehlen Anspielstationen, gehen Bälle schnell verloren und gelingt kaum noch Raumgewinn, muss sie häufiger und länger verteidigen. Der Druck wächst. Selbst eine zunächst gute defensive Ordnung kann darunter leiden. Weniger eigene Kontrolle ist deshalb auch für einen defensiv ausgerichteten Trainer ein Thema.
Ähnlich vorsichtig sollte man Erfolge bei Union Saint-Gilloise einem einzelnen Trainer zuschreiben. Für die Bewertung muss auch betrachtet werden, wie gut Scouting, Kaderplanung und sportliche Abläufe eines Vereins funktionieren. Ein Trainer arbeitet innerhalb dieser Voraussetzungen. Borussia müsste wissen, welche davon Blessin am Niederrhein vorfinden würde und welche er selbst erst schaffen müsste.
Das führt zur unangenehmen Gladbacher Anschlussfrage: Auf welche verlässlichen Strukturen könnte er momentan aufbauen? Die Mannschaft bietet jedenfalls wenig Anlass, defensive Ordnung schon als vorhandene Grundlage vorauszusetzen. Wenn Blessins Stärke im Bewahren und Schärfen bestehender Abläufe liegt, wäre sein Auftrag hier anspruchsvoller. Er müsste wesentliche Teile dieser Basis zunächst herstellen.
Eine konkrete Möglichkeit bietet die Besetzung der Dreierkette. Gegen Mainz spielte sie von links nach rechts mit Kevin Diks, Jan Leszczynski und Ko Itakura. Unter Blessin wäre eine andere Anordnung denkbar: Leszczynski links, Itakura zentral, Diks rechts. Leszczynskis Beidfüßigkeit könnte auf der linken Seite helfen, während Diks rechts auf seinem starken Fuß aufbauen könnte.
Itakura wäre dabei der interessanteste Baustein. Aus der zentralen Abwehrposition könnte er im eigenen Ballbesitz ins defensive Mittelfeld vorrücken und dort als zusätzlicher Anspielpunkt dienen. Das wäre eine mögliche Übertragung jener wechselnden Rolle, die Smith bei St. Pauli ausfüllte. Entscheidend wäre allerdings die Absicherung: Rückt Itakura nach vorne, müssten die übrigen Spieler die Räume hinter ihm kontrollieren. Ein solcher Wechsel braucht klare Absprachen darüber, wer bleibt, wer sich anbietet und wer bei einem Ballverlust eingreift.
Auf den Außenbahnen müsste Blessin eine weitere Grundsatzentscheidung treffen. Wird Franck Honorat wieder als offensiver Wingback eingesetzt? Oder setzt Borussia auf zwei klassische Außenverteidiger neben den drei Innenverteidigern? Mit Honorat auf der Schiene ließen sich Breite und offensiver Druck herstellen. Zugleich müsste seine Seite bei hohen Positionen zuverlässig abgesichert werden. Zwei gelernte Außenverteidiger könnten die defensive Aufgabenverteilung erleichtern, würden aber ebenfalls passende Laufwege und Unterstützung im Angriff benötigen.
Diese Entscheidungen hängen unmittelbar mit der offenen Frage zusammen, was Blessin Borussia offensiv geben könnte. Es würde nicht reichen, hinten kompakter zu stehen und vorne dauerhaft auf gelungene Einzelaktionen zu hoffen. Ein zunächst reduziertes Angriffsspiel müsste zumindest verlässliche Wege bieten, um Honorat, Bolin, Mohya, Lidberg oder Kleindienst in aussichtsreiche Situationen zu bringen. Auch wenige wiederkehrende Kombinationen können helfen, wenn die Aufgaben und Anschlussbewegungen klar sind.
Die drei Treffer gegen Mainz zeigen immerhin, dass Borussia eigene Torgefahr entwickeln kann. Sie sind aber kein Nachweis dafür, dass diese Offensive jede Woche ohne ausreichende Unterstützung durch die Spielstruktur funktioniert. Gerade bei schwankenden Leistungen braucht es Abläufe, die auch an durchschnittlichen Tagen tragen. Ein Trainer muss seinen Angreifern solche Situationen ermöglichen.
Auch das Mittelfeld lässt sich dabei nicht idealisiert zusammenstellen. Enzo Leopold fällt nach seinem Kreuzbandriss für die Saison aus. Jens Castrop fehlt voraussichtlich noch bis Ende des Jahres. Auch Zento Uno konnte bislang noch kein Faktor sein; ob und wie er sich einfügt, bleibt offen. Eine funktionierende Ordnung müsste deshalb zunächst mit den tatsächlich verfügbaren und belastbaren Optionen entstehen. Die Hoffnung auf zusätzliche Qualität im Saisonverlauf ersetzt diese Aufgabe nicht.
Trotz dieser Vorbehalte spricht einiges dafür, aktuell den defensiven Grundlagen Vorrang zu geben. Der Versuch, offensiver und aktiver aufzutreten, hilft Borussia wenig, wenn er die Schwächen der Abwehr regelmäßig offenlegt. Zuletzt war die Balance unter Polanski aus dieser Perspektive zu riskant. Ein klarerer Schutz des Zentrums und weniger Situationen, in denen Verteidiger große Räume allein kontrollieren müssen, könnten mehr bewirken als zusätzliche offensive Präsenz.
Dabei geht es letztlich um das Verhältnis zwischen eigenen und gegnerischen Chancen. Wer weniger zulässt, muss immer noch ausreichend selbst erzeugen. Der mögliche Vorteil des Blessin-Ansatzes wäre, Borussias Chancenverhältnis zunächst über die Reduzierung gegnerischer Möglichkeiten zu verbessern. Das ist angesichts der aktuellen Probleme eine plausible Priorität.

Zur Arbeit an diesen Grundlagen gehörte zwingend auch die Standardverteidigung. Die Mainzer Gegentore lassen sich nicht allein mit der Ausrichtung im offenen Spiel erklären. Zuordnungen, Aufmerksamkeit nach kurzen Ausführungen und das Verhalten nach dem ersten Kontakt brauchen eigene Lösungen. Blessin müsste hier ebenso konkret werden wie bei den Abständen zwischen Abwehr und Mittelfeld.
Damit wäre seine mögliche Verpflichtung zunächst vor allem als Auftrag zur Stabilisierung schlüssig. Borussia müsste diesen Auftrag allerdings auch ehrlich benennen. Die Unzufriedenheit mit der spielerischen Entwicklung unter Farke, Seoane und zuletzt Polanski erklärt den Wunsch nach einem anderen Schwerpunkt. Sie beantwortet noch nicht, wie der Verein langfristig Fußball spielen und seinen Kader dafür entwickeln möchte. Eine notwendige Korrektur im Hier und Jetzt sollte diese Frage nicht dauerhaft verdrängen.
Auch deshalb wäre eine präzisere Kommunikation von Rouven Schröder hilfreich. Eine Debatte über ein vermeintlich höheres Regal bei der Trainersuche verschiebt den Maßstab schnell von der Eignung für eine Aufgabe zur Strahlkraft eines Namens. Dann droht eine grundsätzlich nachvollziehbare Option wie Blessin plötzlich als Enttäuschung wahrgenommen zu werden. Diese Wirkung wäre vermeidbar, wenn klarer erklärt würde, welches Problem die Verpflichtung lösen soll und warum gerade dieser Trainer dafür geeignet erscheint.
Blessin müsste weder zum Heilsbringer erklärt noch wegen der offenen Entwicklungsfragen vorab abgeschrieben werden. Für seine defensive Arbeit gibt es belastbare Argumente. Bei der Frage nach dauerhaftem offensivem Fortschritt bleiben deutlich mehr Zweifel. Gerade deshalb sollte seine Bewertung an einem konkreten Auftrag hängen: Borussia wieder so zu organisieren, dass die vorhandene individuelle Qualität überhaupt regelmäßig zu Punkten beitragen kann.
Gerade in dieser Lage darf man eine mögliche Verpflichtung Blessins deshalb auch mit Hoffnung verbinden. Seine Stärken passen zu einer Aufgabe, die für Borussia dringend geworden ist: der Mannschaft wieder Sicherheit zu geben und ihre vorhandene Qualität verlässlicher auf den Platz zu bringen. Gelingt ihm das, könnten erste Erfolgserlebnisse auch das Vertrauen zurückbringen, das dieser Mannschaft momentan so sehr fehlt. Daraus kann neue Überzeugung entstehen, sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen. Wie weit dieser Weg führen kann, bleibt offen. Aber Blessin bringt gute Voraussetzungen mit, um die ersten wichtigen Schritte zu gehen.


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