Deutschland gegen die USA: Individuelle Lösungen im Aufbau, strukturelle Probleme im Pressing

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Der 2:1-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft gegen die USA offenbarte sowohl einige positive Entwicklungen im Ballbesitzspiel als auch wiederkehrende Probleme gegen den Ball. Während Deutschland insbesondere im Aufbau mehrfach individuelle Lösungen gegen das aggressive amerikanische Pressing fand und die Physis des Gegners gut matchen konnte, offenbarten sich im eigenen Angriffspressing sowie in der Mannorientierung gegen flexible Bewegungsmuster der Amerikaner einige strukturelle Defizite.

Eine Taktikanalyse der deutschen Nationalmannschaft kurz vor dem Auftakt der WM von Deniz Güler.

Das amerikanische Pressing: Hohe Intensität gegen Deutschlands 3-1-Aufbau

Die USA lief Deutschland früh aus einem 4-2-3-1 an. Gegen die deutsche 3-1-Aufbauformation setzten die Amerikaner dabei vor allem auf Mannorientierungen im Zentrum. McKennie schob regelmäßig aus seiner Sechserposition heraus auf Pavlovic, während die vordere Reihe aus Dest, Balogun und Pulisic die deutsche Dreierkette frontal attackierte. Das Anlauftempo der Amerikaner war von Beginn an hoch. Die Mannschaft agierte äußerst aktiv und verfolgte klar das Ziel, frühe lange Bälle zu provozieren und Deutschland von kontrollierten Lösungen im Zentrum abzuhalten.

Deutschland zeigte sich dabei einmal mehr vergleichsweise risikoscheu. Statt zentrale Räume dynamisch zu bespielen, agierte die Mannschaft im Zentrum häufig statisch und entschied sich früh für längere Zuspiele auf die Flügel oder über die Außenbahnen hinweg.

Gleichzeitig gelang es Deutschland jedoch, die Athletik und körperliche Präsenz der USA gut zu matchen. Insbesondere bei zweiten Bällen präsentierte sich die Mannschaft stabil. Nach Ballgewinnen in diesen Situationen konnte Deutschland häufig den Ballbesitz sichern und sich aus Drucksituationen lösen, anstatt direkt erneut unter Druck zu geraten.

USA aus einem 4-2-3-1: mannorientiert im Zentrum; frontal im Pressing gegen Deutschlands 3-1-5-1

Die amerikanische Defensivstruktur im tiefen Block

Nach den ersten Pressingmomenten formierten sich die USA häufig in einem 4-1-4-1-Low-Block. Tyler Adams agierte dabei als alleiniger Sechser vor der Abwehr, während Tillman und McKennie die Doppel-Acht bildeten. Pulisic und Dest komplettierten die vierköpfige Mittelfeldreihe.

Diese Staffelung sorgte für eine kompakte Präsenz im Zentrum, ohne dabei die Zugriffsmöglichkeiten auf den Flügeln aufzugeben.

Deutschlands Probleme im hohen Pressing

Deutschland presste aus einem 4-2-3-1 heraus und zog dabei die Abwehrkette von rechts nach links hoch. Brown rückte hoch, um seinen Gegenspieler Freemann zu pressen, während Wirtz und Havertz die Innenverteidiger, und Sane den Linksverteidiger anliefen.

Deutschland aus dem 4-2-3-1 im 3-1-2-4 Pressing

Während die USA im Anlaufen eine hohe Intensität auf den Platz brachten, offenbarte Deutschland gegen den Ball paar Problemchen, ein vergleichbares Niveau im hohen Pressing zu erreichen.

Die Amerikaner rotierten aus ihrem 4-2-3-1 beide Sechser regelmäßig in die Nähe der Außenbahnen. Dadurch wurden Pavlovic und Nmecha aus ihren Absicherungspositionen vor der deutschen Abwehrkette herausgezogen. Das eigentliche Problem bestand jedoch weniger in dieser Bewegung selbst als vielmehr darin, dass die USA den Ball häufig ohne echten Druck und relativ kontrolliert in ihre gewünschten Zielräume schlagen konnten.

Deutschland im Pressing ohne „echte“ Intensität: Sané als Beispiel.

Insbesondere Sané ließ in mehreren Situationen gegen Linksverteidiger Robinson die notwendige Intensität vermissen. Die Amerikaner nutzten die dadurch entstehenden Freiräume gezielt. Sie spielten wiederholt in die Räume vor Deutschlands Mittelfeldkette, die insbesondere von Pulisic dynamisch besetzt wurden. Über diese Verbindung konnten sie anschließend schnell vertikal hinter die deutsche Abwehr spielen, wo Balogun und Dest die Tiefe attackierten.

Offene Rückpassoptionen verlängern Pressingsequenzen

Ein weiteres Problem im deutschen Angriffspressing zeigte sich im Umgang mit Rückpassoptionen. Das grundlegende Ziel eines hohen Pressings besteht darin, Ballgewinne zu erzwingen oder den Gegner zumindest zu unkontrollierten Befreiungsschlägen zu zwingen, um anschließend Vorteile in den Luftduellen und bei zweiten Bällen zu generieren. Deutschland versuchte in vielen Situationen, den Ballführer ballorientiert zu isolieren – insbesondere entlang der Seitenlinie, indem bspw. Stürmer Havertz im Rückwärtspressing Sanés Gegenspieler Robertson angriff. Zusätzliche Absicherungen sollten verhindern, dass sogenannte „Inside-Pässe“ ins Zentrum möglich werden.

Allerdings blieben im Rücken dieser Pressingaktionen häufig Anspielstationen offen. Dadurch gelang es den USA immer wieder, den Ballbesitz über Rückpässe oder Verlagerungen aufrechtzuerhalten. Statt kurzer und effektiver Pressingphasen entstanden längere Sequenzen gegen den Ball.

Gerade unter den äußeren Bedingungen und den hohen Temperaturen des Spiels ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen, da er zusätzliche physische Belastung erzeugt und die Effizienz des Pressings deutlich reduziert.

Deutschlands Pressing an der Seitenlinie inkonsequent: USA kann sich aus dem Druck raus/ bzw. zurück spielen

Mannorientierungen und Probleme gegen extreme Abkippbewegungen

Auch individuell hatte Deutschland wiederholt Schwierigkeiten, die Bewegungen amerikanischer Offensivspieler sauber aufzunehmen. Vor allem Pulisic ließ sich immer wieder extrem tief in Zwischenlinienräume oder sogar bis in die zweite Aufbaulinie zurückfallen. Rechtsverteidiger Kimmich tat sich sichtbar schwer, diese langen Wege konsequent mitzugehen und dabei gleichzeitig die notwendige Intensität aufrechtzuerhalten.

Der starke Fokus auf Mannorientierung führte darüber hinaus zu einer teilweise löchrigen Gesamtstruktur im Zentrum. Gleichzeitig fehlten häufig die Rückwärtspressingaktionen, die im Kontext eines ballorientierten Pressings notwendig gewesen wären, um Pressingfallen aufzubauen und Zugriff auf den Ballführenden herzustellen. Zwar hätten sich durch eine andere Herangehensweise womöglich Passfenster für Rückpässe geöffnet – ein Aspekt, der beispielsweise beim Angriffspressing rund um Kai Havertz durchaus kritisch zu betrachten wäre. Allerdings sprechen wir in diesem Fall nicht über Situationen an der hohen Seitenlinie, sondern über zentrale Räume, in denen andere Prioritäten gelten und Zugriff auf den Ball deutlich wichtiger wird.

Deutschland im mannorientierten Anlaufen: Löchrig im Zentrum und ohne Zugriff im Halbraum gegen Pulisic

Deutschland im Ballbesitz: Kimmich als zentrale Aufbaufigur

Im eigenen Ballbesitz war Deutschland insbesondere im frühen Aufbau stark von Kimmich abhängig. Immer wieder arbeitete er individuelle Lösungen gegen das hohe amerikanische Pressing heraus. Häufig trug er den Ball von außen nach innen, dribbelte gezielt zentrale Räume an und stellte dadurch Verbindungen zur ballfernen Seite her. Diese Aktionen waren ein wesentlicher Faktor dafür, dass Deutschland trotz des aggressiven amerikanischen Anlaufens regelmäßig Fortschritte im Aufbau erzielen konnte.

Kimmich mit horizontalen Dribblings ins Zentrum

Positiv fiel zudem die Zusammenarbeit zwischen Florian Wirtz und Brown auf. Beide fanden früh zueinander und erzeugten durch ihre Pärchenbildung einen stabilen Rhythmus im Bewegungs- und Passspiel. Generell wirkte Deutschlands Spiel in der letzten Linie harmonisch. Einen wichtigen Anteil daran hatte Kai Havertz, der mit zahlreichen intelligenten Läufen rund um die amerikanische Abwehrkette immer wieder Räume öffnete und Anspielmöglichkeiten schuf.

Mutige Dribblings der ersten Aufbaulinie als Pressinglöser

Neben Kimmich waren auch Tah und Schlotterbeck wichtige Faktoren im deutschen Aufbau. Die ersten drei Aufbauspieler der ersten Linie suchten wiederholt mit Dribblings in die Innenzonen nach Lösungen und brachen dadurch das Pressingmomentum der USA. Anstatt den Ball ausschließlich zirkulieren zu lassen, attackierten sie gezielt die offenen Räume hinter den ersten amerikanischen Zugriffen.

Schlotterbeck und Tah mit Lösungen im sonst statischen Ballbesitzspiel der Deutschen

Ein Musterbeispiel für dieses Verhalten lieferte die Szene in der 22. Minute, in der Deutschland das amerikanische Pressing durch ein solches Andribbeln überspielte und dadurch Raumgewinn erzielte.

Deutschland im Aufbau: Videoquelle: Wyscout

Fazit

Der deutsche Erfolg gegen die USA basierte in vielen Phasen auf individuellen Lösungen im Aufbau und einer insgesamt guten physischen Widerstandsfähigkeit gegen die hohe Intensität des Gegners. Kimmich, Tah und Schlotterbeck fanden wiederholt Wege, das amerikanische Pressing durch Dribblings und Ballführungen zu destabilisieren, während Wirtz, Brown und Havertz im letzten Drittel für gute Verbindungen sorgten.

Gegen den Ball blieben jedoch paar bekannte Probleme sichtbar. Das Angriffspressing erzeugte zu selten echten Druck auf den Ballführenden, Rückpassoptionen wurden nicht konsequent geschlossen und mannorientierte Zuordnungen führten insbesondere gegen die extremen Abkippbewegungen von Pulisic immer wieder zu strukturellen Unsauberkeiten, aufgrund von löchrigem Mittelfeldzentrum. Diese Aspekte verhinderten, dass Deutschland die amerikanischen Aufbauphasen nachhaltig kontrollieren konnte und dürften auch in Zukunft wichtige Entwicklungspunkte bleiben.

Eine Taktikanalyse der deutschen Nationalmannschaft kurz vor dem Auftakt der WM von Deniz Güler.

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