Foto:Dirk Päffgen
Ein Kommentar von Lucas
Vielleicht ist das größte Problem rund um Borussia Mönchengladbach mittlerweile, dass wir verlernt haben, Prozesse auszuhalten.
Läuft eine Saison nicht perfekt, beginnt die Suche nach dem nächsten Neuanfang. Dem nächsten Trainer. Der nächsten Idee. Dem nächsten vermeintlich besseren Weg.
Dabei hat Borussia genau das in den vergangenen Jahren permanent getan.
Und vielleicht ist genau deshalb so wenig gewachsen.
Marco Rose
Adi Hütter
Daniel Farke
Gerardo Seoane
Eugen Polanski
Ja, Eugen Polanski ist nicht perfekt.
Ja, diese Mannschaft spielt noch keinen begeisternden Fußball über 34 Spieltage.
Ja, es gibt offensichtliche Probleme.
Aber manchmal lohnt es sich, den Kontext nicht zu vergessen.
Polanski hat keine funktionierende Mannschaft übernommen.
Keine Mannschaft mit Selbstvertrauen. Keine Mannschaft mit klarer Idee.
Er hat eine Mannschaft übernommen, die saisonübergreifend zehn Spiele nicht gewonnen hatte und nach einer 0:4-Heimniederlage gegen Bremen auf Platz 16 stand. Verunsichert und fragil.
Und mitten in diesem Chaos sollte plötzlich ein Trainer übernehmen, der keine Sommervorbereitung hatte. Keine Zeit für Grundlagenarbeit. Keine Möglichkeit, Automatismen einzustudieren. Kein Trainingslager, in dem man eine Idee entwickeln kann. Stattdessen musste er im laufenden Betrieb reparieren und nach besten Möglichkeiten stabilisieren.
Es ging vor allem um eines: Überleben.
Dabei wird oft vergessen, unter welchen Voraussetzungen das überhaupt passieren musste.
Mit Hack und Kleindienst fielen zwei der wichtigsten Offensivspieler verletzt aus. Dazu kam der Verkauf von Plea. Gefühlt verlor Borussia damit auf einen Schlag 70% ihrer Offensivproduktion.
Tore, Assists, Kreativität, Entlastung, individuelle Qualität.

Und trotzdem hat Polanski es geschafft, dieser Mannschaft wieder ein gewisses grundmaß an Halt zu geben.
Borussia wirkte defensiv wieder wie eine Bundesligamannschaft. Die Abstände passten besser. Die Mannschaft verteidigte kompakter.
In der Rückrunde stellte Gladbach die viertbeste Defensive der Liga, kassierte nur ein Gegentor mehr als Bayern. Wenn man sich anschaut, wo diese Mannschaft im Herbst stand, ist das keine Kleinigkeit.

Und vor allem: Er hat seine eigentliche Aufgabe erfüllt.
Polanski sollte Borussia vor dem Abstieg retten.
Nicht Europa erreichen.
Nicht plötzlich Borussia Barcelona wieder auferstehen lassen.
Nicht in wenigen Monaten jahrelang gewachsene, strukturelle Probleme lösen.
Er sollte verhindern, dass dieser Verein in die maximale sportliche Katastrophe stürzt.
Und genau das hat er geschafft. Sogar vorzeitig.

Dass Borussia hinten raus dann noch Dortmund (Tabellenzweiter) und Hoffenheim, die um die Champions League spielten, schlägt, zeigt eben auch: Diese Mannschaft lebt noch. Sie kann Fußball spielen.
Zahlreiche Interviews mit Spielern unterstreichen zudem zuletzt: Die Mannschaft folgt ihrem Trainer, spricht sich öffentlich für dessen Verbleib aus.
Natürlich gibt es trotzdem Dinge, an denen gearbeitet werden muss.
Die fehlende Konstanz ist offensichtlich und das auch nicht erst seit der letzten Saison.
Die letzten drei Saisonspiele bieten das perfekte Beispiel. Ein überzeugender Sieg gegen Dortmund, danach eine völlig chancenlose Niederlage gegen Augsburg und anschließend wieder ein dominantes 4:0 gegen Hoffenheim. Es ergibt sich kein stabiles Gesamtbild mehr. Aber genau dieses Problem begleitet Borussia nicht erst seit Polanski. Es zieht sich seit Jahren durch diesen Verein, auch unabhängig vom Trainer.
Auch offensiv muss Gladbach besser werden. Die starke Defensive der Rückrunde steht gleichzeitig einer oft erschreckend harmlosen Offensive gegenüber. Nach St. Pauli erzielte die Borussia gemeinsam mit Wolfsburg und Bremen die wenigsten Tore der Rückrunde.
Aber auch hier lohnt sich wieder der Blick auf die Umstände.
Polanski musste seine Offensive praktisch ohne ihre wichtigsten Säulen aus der Vorsaison organisieren. Mit der Rückkehr von Kleindienst und Hack, dazu möglichen Entwicklungsschritten von Spielern wie Mohya oder Bolin, darf man zumindest hoffen, dass die Offensive sich in der kommenden Saison torgefährlicher präsentieren wird.
Und dann ist da noch die taktische Ausrichtung.
Zwar hat die Dreierkette oft Stabilität gebracht, eventuell war sie phasenweise sogar alternativlos. Doch deutet vieles darauf hin, dass kommende Saison wieder stärker auf eine Viererkette gesetzt werden soll. Genau dafür wäre Kontinuität auf der Trainerposition eigentlich wichtig. Damit aus einer Rettungsmission endlich ein echter Aufbauprozess werden kann.
Polanski betonte häufiger, dass er eigentlich einen anderen Fußball spielen lassen möchte.
Vielleicht ist das ohnehin der entscheidende Punkt.
Zum ersten Mal seit langer Zeit wirkt es, als könnte Borussia tatsächlich einen echten Umbruch wagen. Nicht nur punktuell, nicht nur kosmetisch.
Mit Rouven Schröder hat die Borussia einen neuen sportlich Verantwortlichen, der offensichtlich bereit ist, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und alte Strukturen aufzubrechen. Dies zeigt sich nicht zuletzt durch den Austausch des langjährigen Chef-Scouts Steffen Korell durch Schröders ehemaligen Wegbegleiter André Hechelman. Am Ende der Saison verlässt mit David Zibung zudem auch der letzte “Seoane-Buddy” den Verein. Hochbezahlte Spieler ohne echten sportlichen Mehrwert wie Marvin Friedrich und Jonas Omlin werden oder sollen den Verein verlassen. Der Kader soll klarer, hungriger und mental stärker aufgebaut werden. Dazu passen junge Spieler, gezielte Transfers und ein Trainer, der bereit ist, diesen Weg mitzugehen und mitzugestalten.

Interessant ist dabei auch, dass zuletzt immer wieder zu hören war, Borussia denke intern darüber nach, Polanskis Trainerteam gezielt zu erweitern bzw. qualitativ zu verstärken, etwa durch zusätzliche oder neue Co-Trainer oder Assistenten. Auch das wäre ein neuer Ansatz.
Denn statt sofort wieder den Trainer auszutauschen, scheint der Verein diesmal eher bereit zu sein, die Rahmenbedingungen für den Trainer zu verbessern. Statt des nächsten Neustarts, nun also der Versuch, gemeinsam Strukturen aufzubauen, die langfristig erfolgreicher funktionieren können.
Und vielleicht wäre genau das tatsächlich ein guter Weg für die Borussia.
Ein neuer Name bedeutet nicht automatisch auch eine Verbesserung. Sollte die Borussia diesen Schritt gehen, dann eigentlich nur für jemanden, bei dem man wirklich überzeugt ist, sportlich ein deutlich höheres Niveau zu bekommen.
Nicht irgendeine Veränderung nur um der Veränderung willen, um den berühmten “Impuls” zu setzen.
Dazu kommt auch der finanzielle Aspekt. Polanski besitzt einen Vertrag bis 2028. Borussia kann es sich wirtschaftlich nicht leisten, permanent Trainer und deren Staffs auszutauschen und Gehälter für Personalien zu zahlen, die nicht länger im Verein tätig sind.
Borussia braucht endlich wieder Ruhe und eine klare Richtung.
Einen Weg, der nicht nach schwierigen Wochen wieder infrage gestellt wird.
Dieser Weg verdient für mich zumindest die Chance auf eine richtige Vorbereitung mit einem gezielt optimierten Kader.
Vielleicht scheitert Polanski trotzdem. Das kann niemand ausschließen. Aber ich habe zumindest das Gefühl, dass Borussia wieder etwas aufbauen könnte, statt einfach nur das nächste Feuer zu löschen.
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