Borussias fluides Angriffsspiel als neue Stärke

Foto: Dirk Päffgen

Die Borussia konnte am vergangenen Wochenende einen überzeugenden 3:0-Auswärtssieg in Heidenheim einfahren. Das Team von Eugen Polanski zeigte sich dabei äußerst fluide und nutzte die Schwächen im Defensivverhalten der Gastgeber konsequent aus, indem sie die neu gewonnene Diagonalität in Kombination von extrem-kleinräumigen Kombinationen im Angriffsdrittel einsetzen konnten. Mehr dazu hier von @denizguelr.

Die Aufstellungen: 4-2-3-1 vs 3-1-4-2

Frank Schmidt schickte seine Mannschaft in einem 4-2-3-1 auf den Platz: Ramaj im Tor, davor die Viererkette mit Traore, Kapitän Mainka, Siersleben und Föhrenbach. Im Mittelfeldzentrum bildeten Dorsch und Schöppner die Doppelsechs, vor ihnen agierte Beck als Zehner, flankiert von Ibrahimovic und Honsak auf den Außenpositionen. Pieringer stürmte im als Solo-Spitze.

Polanski setzte auf seine bewährte Formation mit Nicolas zwischen den Pfosten. Vor ihm formierte sich eine Dreierkette aus Scally, Elvedi und Diks – während Castrop und Netz die Außenbahnpositionen besetzten. Kapitän Reitz bildete zusammen mit Engelhardt und Neuhaus das Mittelfeldzentrum. Honorat und Tabakovic komplettierten die Offensive.

Heidenheims Aufbauspiel und dessen Limitierungen

Mit Ball wandelte sich Heidenheims Formation in ein 4-1-5, das sich bis zu einem 2-1-7 entwickelte. Die Außenverteidiger rückten hoch, während die Innenverteidiger extrem breit schoben und zusammen mit Dorsch eine 2+1-Struktur bildeten.

Das Ziel war klar: Durch Überladungen in der letzten Linie sollte Gladbachs Abwehrkette gebunden werden, um anschließend über die breite Staffelung der Innenverteidiger Tiefe über die Flügel zu bespielen. Die Innenverteidiger genossen dabei den freien Fuß.

Konkret wollte Heidenheim die Verschiebebewegungen der Gladbacher Abwehrkette auf die Flügel nutzen, um über lange Bälle in die Schnittstellen der Abwehr zu spielen, wie in der zweiten Minute zu beobachten war. Durch diese breiten Staffelungen war Heidenheim zwar kompliziert zu pressen aus dem Blockverhalten heraus, da sie durch hohe Überladungen tief banden und zudem maximal breite Räume kreierten, die sie andribbeln konnten – zu sehen in der sechsten Minute. Allerdings isolierten sie sich dabei selbst, weil sie keine Verbindungen und Anbindungen im Zentrum hatten. Diese fehlende „Connection“ gestaltete es kompliziert, Spielverlagerungen durchzuführen. Die Folge war, dass das Spiel insgesamt ein geringes Tempo genoss.

Einzelne Probleme bekam Gladbach gegen das diagonale Abkippen von Zehner Beck, der auf seiner linken Angriffsseite zusammen mit Föhrenbach für Überzahl gegen Castrop sorgte. Jedoch fing Polanski diese Schwierigkeit mit dem Laufvolumen von Rocco Reitz auf, der rechtzeitig verschieben konnte, um numerisch auszugleichen, wie in der 24. Minute zu beobachten war.

Heidenheims luftleerer Defensivansatz

Ohne Ball formierte sich Heidenheim im 4-2-3-1 und versuchte das Zentrum zu kontrollieren gegen Gladbachs spielstarkes Mittelfeld. Dabei setzte Schmidt auf Manndeckungen, um Druck zu erzeugen und die Borussia auf die Flügel zu lenken, oder durchzupressen, um lange Bälle zu provozieren. Auch im passiven Block blieb der FCH mannorientiert, besonders im Mittelfeldzentrum war dies zu beobachten: Schöppner gegen Neuhaus, Dorsch gegen Reitz und Beck gegen Engelhardt bildeten die jeweiligen Duelle.

Borussias fluides Offensivspiel als Schlüssel zum Erfolg

Im Ballbesitz formierte sich die Borussia wie zuletzt im 3-1-4-2. Die Fohlenelf hatte im Matchplan herausgearbeitet, dass Heidenheim manndeckend, vor allem im Mittelfeldzentrum, verteidigt. Dieses Wissen machte sich Gladbach zunutze, indem viel über Ablagenpässe gespielt wurde. Die Mittelfeldakteure der Borussia hatten eine enge Verbindung zu den Innenverteidigern, sodass ein großes Loch vor Heidenheims Abwehrkette entstand, welches man dann über Ablagen – meist im ersten Kontakt – bespielte. Honorat und Tabakovic kamen diesen Bällen entgegen, während Netz und Castrop in diesen Momenten bereits die Flügelzonen vertikal beliefen, wie in der achten und 46. Minute deutlich wurde.

Zudem ließen sich im Spiel selbst aus der Dynamik heraus einige diagonale Verbindungen beobachten, die die Borussia für sich nutzte, um die Mannorientierungen zu bespielen. Immer wieder waren diese Löcher vor der Abwehrkette Heidenheims zu beobachten, die Borussias Mittelfeldspieler, vor allem Reitz, attackierten. So konnte beispielsweise Reitz in der neunten Minute im Rücken seines Gegenspielers den Deckungsschatten schlagen und durch Engelhardt in freien Zonen diagonal bespielt werden.

Reitz, Engelhardt und Neuhaus haben generell ein fluides Beziehungsspiel zueinander. Die Positionsrochaden sind sehr gut abgestimmt, vor allem Engelhardt überzeugt darin, seine Position zu finden, um anschließend Passlinien durch sein horizontales Hinterlaufen freizuziehen. Solche Dynamiken sind deshalb so wichtig, weil viele Verteidigungschemata darauf ausgerichtet sind, das positionsstatische System des ballbesitzenden Teams zu verteidigen. Dynamiken jedoch, die im Kontext des Balles und der Mitspieler stattfinden – unabhängig von der synchronen und symmetrischen Besetzung der Zonen – brechen diese Schemata auf.

Engelhardt, Reitz und Neuhaus im Beziehungsspiel

Angriffslust: Kleinräumige Kombinationen – auf Basis der Horizontalen

Das Zentrum zog die Borussia zwar sehr gerne frei, um diagonal zueinander überspielen zu können, doch der Ursprung der Torerfolge beim zweiten und dritten Treffer lag auf dem Flügel. Durch die Überzahl auf den Außenbahnen musste Heidenheim seine Mannorientierung im Mittelfeldzentrum aufgeben, sodass einer der beiden Sechser in die Breite durchschieben musste. Die darauffolgenden Risse zeigten sich dann im Zentrum: Die Borussia nutzte den gewonnenen Raum durch horizontales Passspiel vom Flügel weg, mitten ins Herz der Heidenheimer Defensive. Die Zone 14 – also der Raum im Halbkreis des gegnerischen Sechzehners – konnte so bespielt werden. Diese Zone ist für die Torwahrscheinlichkeit diejenige mit dem größtmöglichen Potenzial (Mehr Infos zur „Zone 14“ – hier)

Borussias Flügelüberladungen und horizontales Passspiel

Umso flacher eine Mannschaft verteidigt, desto mehr Zeit hat das ballbesitzende Team, um zirkulieren zu können. Die Borussia nutzte dies für sich aus, um von den Flügeln kommend in die gegenüberliegende Breite zu spielen. Die Zirkulation gelang aufgrund der flachen Staffelung des Gegners gut. Der Vorteil hierbei entsteht, wenn der Gegner positionsspezifische Fehler begeht: Diesen nutzen die Fohlen sofort, um in den Druck zu spielen – ein Muster, welches die Borussia unter Seoane konsequent gemieden hat. Im Druck helfen kleinräumige Staffelungen, beispielsweise zwischen Reitz und Tabakovic, um das Passtempo aufrechterhalten zu können. In der Breite erkennt man am Sechzehner-Eck Wingback Castrop, der nicht in der maximale Breiten positioniert ist, sondern in der relativen, um möglichst tornah kombinieren zu können. Die Borussia beweist damit: Sie ist immer noch eine Mannschaft, die technisch hochwertig miteinander kombinieren kann.

Fazit

Der verdiente 3:0-Auswärtssieg zeigt, wie wichtig Borussias taktische Entwicklung im Aufbau- und im Spiel des finalen Drittels ist. Die Borussia erkannte die mannorientierte Verteidigung Heidenheims und bespielte diese über intelligente Ablagepassspiele, fluides Positionsspiel und diagonale Verbindungen konsequent. Das Mittelfeld um Reitz, Engelhardt und Neuhaus war der Schlüssel zum Erfolg, weil es Stabilität und Ballbesitz generierte; zudem unterstrich dies einmal mehr, dass positionsdynamisches Spiel gegen starre Verteidigungschemata der entscheidende Erfolgsfaktor ist.

Eine Analyse von Deniz Güler (@denizguelr).

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