Das Rätsel Machino: Überflieger oder Zufallsprodukt? Scoutingreport

Foto: IMAGO / Sven Simon

Scouting-Report: Shuto Machino von Holstein Kiel

Mit 12 Pflichtspieltoren in der laufenden Bundesliga-Saison hat sich Shuto Machino als einer der auffälligsten Angreifer bei Holstein Kiel etabliert. Der 26-jährige Japaner wird als möglicher Neuzugang für Borussia Mönchengladbach gehandelt. Ist Machino eine interessante Ergänzung für Gerardo Seoanes Offensivspiel?

Dieser Frage gehe ich im Scoutingreport nach und betrachte außerdem Machinos physische Parameter, seine statistische Leistung sowie seine (taktischen) Stärken und Schwächen. Besonders im Fokus stehen dabei seine Eignung für verschiedene Systeme, seine potenzielle Rolle neben etablierten Kräften wie Tim Kleindienst und (oder?) Alassane Plea sowie die wirtschaftlichen Aspekte einer möglichen Verpflichtung.

Eine Analyse von Deniz Güler.

Physische Daten und Leistungsparameter

Der 1,85 Meter große und 81 Kilogramm schwere Angreifer von Holstein Kiel zeichnet sich durch athletische Fähigkeiten aus. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 35,8 km/h und durchschnittlich 25,5 Sprints pro 90 Minuten positioniert sich Machino im oberen Leistungsbereich der Bundesliga-Stürmer. Zum Vergleich: Tim Kleindienst erreicht 30,9 Sprints pro Spiel und befindet sich dahingehend im absoluten Elite-Niveau. Machinos Laufintensität unterstreicht also ein sehr ordentliches Niveau.

Statistische Leistungsbewertung

Die offensive Effizienz des Japaners ist bemerkenswert: Mit 7,87 Expected Goals (xG) erzielte er 12 Pflichtspieltore, was auf eine außergewöhnlich hohe Verwertungsquote hinweist. Die Frage hierbei bleibt: Wie viel Glück war dabei? Schaut man sich bspw. seine xG-Verteilung gegen Borussia Mönchengladbach (0.09), den FC Augsburg (0.04) und Eintracht Frankfurt (0.03), was in der Summe 0.16 xG ergibt, sind die drei erzielten Tore wahrlich viel. Insbesondere die beiden Abpraller-Tore sind in der Umsetzung und der Position sehr schwierige Abschlüsse, die eher glücklich ihren Weg ins Tor fanden.

Machinos Abschlusseffizienz, oder Abschlussglück? – Videoquelle: Wyscout

Mit 0.12 Expected Goals Assisted (xGA) pro Spiel rangiert Machino im oberen Drittel aller Bundesliga-Stürmer der Saison 2024/25. Besonders hervorzuheben sind seine 0,27 linienbrechenden Pässe hinter die Abwehrkette pro Spiel, womit er zu den Top 5% der Liga gehört. Seine 0,42 Schlüsselpässe pro Spiel platzieren ihn ebenfalls im oberen Drittel aller Bundesliga-Stürmer. Zudem spielt er die drittmeisten Pässe ins letzte Drittel unter allen Stürmern der Liga.

Machinos Pässe hinter die Kette – Videoquelle: Wyscout

All diese Daten beweisen, dass der 25-Jährige ein mitspielender Stürmer ist, der sich gerne im Aufbauspiel bzw. in der Spielfortsetzung beteiligt.

Heatmap Shuto Machino – Bildquelle: Wyscout

Spielweise: Intensität im Defensivspiel – Tiefgang in der Offensive

Defensives Verhalten: Lauffreudig und diszpliniert

Machinos Laufbereitschaft – Videoquelle: Wyscout

Machino präsentiert sich als außergewöhnlich lauffreudiger Spieler mit ausgeprägter defensiver Disziplin. Seine Bereitschaft, defensive Laufwege zu absolvieren, manifestiert sich in verschiedenen Situationen: Er doppelt gezielt auf den Flügeln und führt bei Situationen, in denen die Mannschaft überspielt wird, konsequent Rückwärtsläufe aus, um sich hinter den Ball zu positionieren.

Machinos Aktivität im Defensivspiel – Videoquelle: Wyscout

Seine taktische Disziplin zeigt sich in der zuverlässigen Einhaltung defensiver Positionen. Im Kieler 5-4-1-System agierte er häufig als linker Flügelspieler der Mittelfeldreihe, wobei er konstant den Halbraum abdichtete und bei Gelegenheit das Pressing vom Zentrum auf die Flügel verlagerte. Wenn er im 5-4-1 als zentraler Stürmer agierte, zeichnete ihn eine enge Mannorientierung gegenüber dem gegnerischen Sechser aus, um die Zentrale zu schließen und Pressingaktionen zu initiieren.

Machinos taktische Diszplin im Defensivspiel – Videoquelle: Wyscout

Machino demonstriert taktische Cleverness beim Erkennen von Pressingauslösern und läuft strategisch – sowohl im Bogen außen als auch innen – an. Seine hohe Aktivität im Spiel gegen den Ball, kombiniert mit der gezielten Suche nach Pressingauslösern, zeichnet ihn aus. Die bereits erwähnten 25,5 Sprints pro 90 Minuten unterstreichen seine Intensität. Sein Verständnis für Pressingwinkel und Deckungsschatten ermöglicht es ihm, dem Gegner gezielt eine Seite abzuschneiden – ein komplettes Pressingpaket.

Machinos Pressingauslöser – Videoquelle: Wyscout

Offensives Verhalten: Mobil und mit Tiefgang

Machinos Positionsbesetzungen im Offensivspiel – Videoquelle: Wyscout

Machino ist ein mobiler Spieler, der sich durch variable Positionsfindung von klassischen Wandspielern oder Fixpunkten unterscheidet. Sein natürlicher Bewegungsdrang führt ihn vom Zentrum der letzten Linie zur linken Spielseite. Seine Laufwege orientieren sich dabei konsequent zum Ball und sind entgegenkommend ausgerichtet.

Dieses Verhalten fördert eine kurze Distanz zum Mittelfeld, wodurch er tendenziell mehr flache als hohe Zuspiele erhält. Trotz seiner Körpergröße von 1,85 Metern verfügt er über einen verhältnismäßig niedrigen Körperschwerpunkt, was ihm Beweglichkeit in engeren Räumen verleiht und das „Wegdrehen“ von Gegenspielern ermöglicht.

Machinos niedriger Körperschwerpunkt und Agilität – Videoquelle: Wyscout

Wichtig ist jedoch die Einschränkung, dass Machino kein klassischer Dribbler ist. Seine Ballfähigkeiten in der Weiterverarbeitung und im Passspiel sind eher als solide bis okay zu bewerten, nicht als herausragend. Trotz seines niedrigen Körperschwerpunktes wirkt er in hochtemporärer Situationen hüftsteif, wodurch er seinen Körper bei richtungswechselnden Pässen nicht ausreichend drehen kann.

Die Faustregel lautet: Je kürzer sein Passspiel, desto besser ist seine Einbindung. Kleinräumige Passkombinationen sind mit Machino durchaus möglich. Er zeigt Sicherheit beim Weiterleiten oder Klatschen lassen des Balls im ersten Kontakt – kombiniert mit seiner Dynamik im Tiefgang ein interessantes Add-on für das Gladbacher Spiel.

Als sprintstarker Spieler demonstriert Machino eine hohe Sequenzlänge bei hoher Sprintintensität. Nach seiner Anbindung in tiefen Zonen kann er im Anschluss viel Fläche im Sprint nachlaufen, wodurch er erneut als Abschlussspieler rund um die Box erreicht werden kann. Seine natürliche Neigung zur Ballseite Richtung Flügel eröffnet aus gruppentaktischer Sicht zentrale Räume, die die erste Linie bespielen kann.

Machinos Sprintintensität und Aktivität im Positionsspiel – Videoquelle: Wyscout

Im Verbindungsspiel kann Machino flache beziehungsweise halbhohe Bälle auf Kniehöhe unter Gegnerdruck verarbeiten. Seine Entscheidungsfindung im ersten Kontakt unter Druck ist schnell und übersichtlich. Er schafft es, den Ball so weiterzuleiten, dass der nächste Spieler den Ball auf die ballferne Seite verlagern kann.

Der gegnerische Strafraum: Machino als Raumdeuter

Machino als Raumdeuter in der Box – Videoquelle: Wyscout

Machino sucht permanent seine Räume in der Box und unterscheidet sich dadurch von klassischen Mittelstürmern, die den ersten oder zweiten Pfosten belaufen und sich für entsprechende Hereingaben positionieren. Seine Positionsanpassung in der Box erfolgt ständig, wobei er meist Positionen findet, die flache Anspiele für Fußabschlüsse ermöglichen. Daher neigt er dazu, sich im Rückraum zu positionieren, da dort flache Pässe mit der höchsten Empfangs-Wahrscheinlichkeit möglich sind.

Durch Machinos Aktivität existieren keine klaren Muster bezüglich seiner Angriffszonen – diese sind kontextabhängig. Es gibt Szenen, in denen er über die rechte Seite in die Box eindringt und am zweiten Pfosten trifft, sowie Momente, in denen er zentral einläuft und sich seinen Raum im Rückraum, oder von „außen“ – hinter den Innenverteidigern – sucht.

Seine Gefährlichkeit entfaltet sich besonders, wenn er aus dem Tempo heraus die Box attackieren kann. Der Japaner kombiniert einen gewissen Antritt mit ausgeprägtem Raumverständnis. Statische Phasen würden ihm diese Stärken nehmen. Machino ist also kein klassischer Solo-Stürmer wie Kleindienst, der mit seiner Physis direkte Luftduelle sucht. Machino benötigt Raum für Antritt, um eine gewisse Dynamik aufnehmen zu können.

Taktische Integration in Seoanes System

Stärken im Konterspiel

Durch seine hohe Anzahl an wiederholten Sprints und seine Endgeschwindigkeit von 35,8 km/h ist Machino prädestiniert dafür, viel Fläche im Konterspiel zu überbrücken. In Kiel wurde ebenso oft ein tiefer Block gespielt, wie in Gladbach.

Positionsspezifische Anforderungen

Machino ist ein sehr aktiver und mobiler Spieler. Sein Entgegenkommen, das eine kurze Anbindung zu den Mittelfeldspielern schafft, ermöglicht hinter ihm Tiefe für andere Spieler. Dies bedeutet, dass er neben einem zweiten Stürmer spielen muss, der seine Mobilität auffängt und einen Fixpunkt im Zentrum darstellt. Fehlt Borussia diese Präsenz, wird die letzte Linie unterladen und dadurch weniger Gefahr ausgestrahlt. Zumindest benötigt Gladbach Tiefe um ihn herum, die seine frei geschaffenen Räume attackiert. Robin Hack könnte in dieser Hinsicht eine Rolle spielen.

Machino selbst bietet viel Tiefe. Der Stürmer ist im Gegensatz zu Kleindienst ein Spieler mit hohem Tiefgang, der Gladbachs letzter Linie um Alassane Plea herum ein Add-on hinzufügt.

Systembezogene Herausforderungen: Zwingt man Machino zu einem anderen Spiel?

Gladbach müsste ihn „zwingen“, häufiger in der letzten Linie zu kleben, ähnlich wie er es bei der japanischen Nationalmannschaft machen muss. Dies würde ihn in seinem Spiel einschränken, ist aber nötig, um Präsenz zu schaffen und Plea den nötigen Raum weiterhin zu geben.

Die Kombination Machino/Plea ist nicht optimal, da beide ihren Raum in den Zwischenlinien benötigen. Der eine hat in seiner Tororientierung jedoch viele Läufe hinter die Abwehr, der andere bespielt diese Läufe eher – insofern also ein Match.

Mögliche Startaufstellung 25/26 mit Shuto Machino – im 3-2-4-1

Positionskampf und Konkurrenz mit Plea?

Machinos Idealposition im aktuellen Seoane-Setup wäre eine Position in der letzten Linie neben Tim Kleindienst. Er steht also, wenn der deutsche Nationalspieler zurückkehrt, in Konkurrenz mit Plea und Stöger.

Die Position neben Kleindienst, die mit Mobilität und Tiefgang erfüllt wird, ist wie geschaffen für Cvancara. Der Tscheche ist schnell und hat Tiefgang in seinem Offensivspiel – ähnlich wie Machino. Cvancara ist im Körperbau schlaksiger und nicht so agil wie der Japaner, sonst ähneln sie sich in Rolle und Positionsdefinition.

Daraus lässt sich schließen, dass Machino im Grunde genommen ein Cvancara-Ersatz ist, der um seine Position vor allem gegen Plea kämpfen muss, sobald Kleindienst einsatz- und spielfähig ist.

Gladbach-Vergleich: Der neue Jonas Hofmann?

In gewisser Weise würde Machino den Abgang von Jonas Hofmann im Sommer 2023 ersetzen. Der ehemalige Gladbacher war ebenfalls ein Angreifer, der mit Tiefgang glänzte und sich in seiner Position mobil verhielt. Den nun 32-Jährigen unterscheidet zu Machino eine höhere technische Spielklasse, insbesondere in Passkombinationen und im generellen Passspiel (letzter Pass, etc.).

Der niedrige Körperschwerpunkt in Verbindung mit Mobilität und Passstärke in kleinräumigen Kombinationen sowie der Tiefendrang schaffen jedoch eine Basis, in der beide im Gladbach-Kontext verglichen werden können. Zudem zeichnen beide eine klare Geradlinigkeit im Spiel aus, sei es in den Laufwegen, oder in den Passspielen. Machino könnte somit die Lücke füllen, die Hofmanns Abgang hinterlassen hat, auch wenn er technisch nicht ganz an dessen Niveau heranreicht.

Fazit: Interessantes Profil – aber nötig?

Shuto Machino präsentiert sich als interessanter Spieler für Borussia Mönchengladbach, der durch seine Kombination aus athletischen Fähigkeiten, taktischer Disziplin und offensiver Effizienz überzeugt. Seine Stärken im Konterspiel, die hohe Laufbereitschaft und die Fähigkeit zur Raumöffnung machen ihn zu einem wertvollen Baustein für Seoanes System. Die Herausforderung liegt in der optimalen taktischen Integration und der Positionierung im Konkurrenzkampf mit etablierten Kräften wie Plea und dem zurückkehrenden Kleindienst.

Mit Machino hätte Gladbach einen Spieler, der keinen reinen Kleindienst-Ersatz darstellt, sondern nach dessen Rückkehr von der Verletzung komplementär neben dem deutschen Nationalspieler eingesetzt werden könnte. Diese Doppelspitze würde Gladbachs offensive Variabilität erheblich erweitern.

Wichtig ist jedoch die Klarstellung, dass Machino kein Robin Hack-Ersatz ist, der über den Flügel kommt. Machino benötigt den Platz neben Kleindienst in der letzten Linie, der aktuell von Alassane Plea besetzt wird. Hier liegt die zentrale Herausforderung der taktischen Integration: Der Konkurrenzkampf mit Plea um diese spezifische Position wird entscheidend für Machinos Rolle im Team sein.

Kritisch zu bewerten ist allerdings seine statistische Überperformance: Die Differenz zwischen 7,87 Expected Goals und 12 tatsächlich erzielten Toren (eine Überperformance von ca. 4 xG) ist statistisch höchst unrealistisch und wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Zeit normalisieren. Diese Regression zur statistischen Norm sollte bei der Bewertung seiner tatsächlichen Torquote berücksichtigt werden.

Machino stellt somit zweifellos ein interessantes Add-on für den Kader dar, das die offensive Variabilität erhöhen könnte. Jedoch ergeben sich berechtigte Bedenken, ob sich Borussia Mönchengladbach in ihrer aktuell finanziell schwierigen Lage diesen Luxus leisten kann. Bei einer geschätzten Ablösesumme von 5-6 Millionen Euro und der Notwendigkeit einer komplexeren taktischen Integration stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Sinnhaftigkeit dieses Transfers zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Die Kombination aus hohem Preis, statistischen Unsicherheiten bezüglich seiner Torquote und dem komplexen Integrationsprozess lässt berechtigte Zweifel an der Wirtschaftlichkeit und Priorität dieser Investition aufkommen.

Borussia muss also abschätzen:

  • Welchen Spielertypen möchte man als Kleindienst-Ersatz? Den 1zu1-Ersatz, oder den ergänzenden Stürmertypen?
  • Leihe oder Festkauf? Wie viel von einer möglichen Itakura-Einnahme investiert man in einen Ersatz? Leiht man sich Spieler aus, oder investiert man tatsächlich 5-6 Mio. Euro?

Spannende Zeiten, die irgendwann ihre Antworten geben werden.

Eine Analyse von @denizguelr.

Eine Antwort zu „Das Rätsel Machino: Überflieger oder Zufallsprodukt? Scoutingreport”.

  1. Avatar von Franjo
    Franjo

    Sehr interessant, besten Dank! Interessant zu wissen wäre, ob Du einen Spieler siehst, der ein ähnliches Package wie Machino zu bieten hätte, aber insgesamt noch besser passen würde? Ein Spielertyp wie Doan (um bei Japanern zu bleiben) brächte bspw. mehr Variabilität in engen Räumen gegen tiefstehende Gegner (ist natürlich unbezahlbar); und Dribbling-Skills sind im Kader ja generell nicht so sehr vertreten.

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