Thomas Frank hat bei Brentford ein bemerkenswertes Projekt realisiert: Im Verhältnis zu den begrenzten Möglichkeiten des Klubs entwickelte er ein taktisches System, das auf zwei grundlegenden Prinzipien basiert – und es schafft, selbst die etablierten Top-Teams der Premier League regelmäßig vor Schwierigkeiten zu stellen.
Der dänische Trainer, der zur neuen Saison zu Tottenham Hotspur wechselt, hat bei den Bees eine Spielphilosophie, die schon immer vertikal gesprägt war, entwickelt, die das heutige moderne Fußballspiel verköpert: Diagonalität. Diese bekam in den letzten Jahren eine starke Bedeutung und ist neben der Vertikalität die zweite große Komponente im Spiel von Thomas Frank.
Während die meisten Teams versuchen, Pressing durch horizontales Passspiel auseinander zu ziehen, setzt Frank auf die Diagonale. Seine Mannschaft nutzt systematisch die Schwachstellen frontaler Pressingverhalten aus, indem sie bewusst die progressiven diagonalen Passwege nach oben links und rechts bespielt – Winkel, die gegnerische Formationen nur schwer abdecken können. Diese taktische Raffinesse zeigt sich nicht nur im Offensivspiel: Auch defensiv arbeitet Brentford mit dem „Trippeln“ – drei Spieler pressen gemeinsam und nehmen dem Gegner gezielt die diagonalen Passoptionen.
Der dabei immer noch vorhandene Fokus auf Vertikalität macht Franks System – in Kombination der Diagonalität – so gefährlich. Mit nur 3,3 Pässen pro Sequenz spielt Brentford die fünftwenigsten Pässe der Liga, erreicht dabei ein „direct speed“ von 1,85 – den fünft-schnellsten Wert. Das Ergebnis: ein xG-Wert pro Schuss von 0,14 – der höchste aller Premier-League-Teams.
Wie genau funktioniert dieses System, das Frank nun zu Tottenham mitbringt? Ein Blick auf die Details seiner taktischen Prinzipien offenbart die Komplexität hinter der scheinbaren Einfachheit – eine Analyse von Deniz Güler:
Ballbesitzstruktur und Prinzipien im Aufbauspiel
Im höheren Aufbauspiel setzt Brentford weiterhin auf einen 3er-Aufbau, der klare Prinzipien verfolgt:
- Schnelles Spiel auf die Flügel: Die flache Staffelung der Dreierkette eröffnet diagonale Passfenster von der ersten in die dritte Linie. Besonders auf der rechten Angriffsseite nutzt Mbeumo seine Flügelstärke, um in Innenkanäle zu dribbeln und sich neue Passwinkel zu verschaffen. Diese Flügelaktionen sind essenziell, um die gegnerische Defensive zu öffnen und die Angriffe zu variieren.
- Tiefenläufe der letzten Linie: Die letzte Angriffslinie steht hoch und flach in einer horizontalen Linie, was effektive Tiefenläufe ermöglicht. Dabei haben sie unterschiedliche Laufstile: Vom Flügel aus kommend laufen besonders die Achter und Wingbacks vertikal tief, um auf der Ballseite zu binden und Raum für Dribblings der Flügelstürmer, die nach innen ziehen, zu öffnen. Sonst, wenn Brentford direkt vertikal durchspielt, entstehen Rotationsbewegungen der ballnahen Spieler der letzten Linie, die somit gegnerische Mannorientierungen brechen wollen. Diese Läufe werden entweder im direkten Vertikalpass durchgespielt, oder man schafft eine Zwischenstation im Zentrum, in dem sich ein Zehner aufhält. Auch da sind diagonale Verbindungen zwischen Brentfords Zehner und Achter vorhanden. Brentford spielt sich dahingehend im Halbraum durch, sodass sich der Spieler hinter der Abwehrkette diagonal zum Tor befindet. Gelangt Brentford hinter die Abwehrkette des Gegners haben sie durch die personelle hohe Anzahl in der letzten Linie den Vorteil, dass sie alle Zonen zum gegnerischen Tor besetzen, sodass der Spieler, der diagonal zum Tor steht, durch einen horizontalen Pass den Abschlussspieler in eine vielversprechende Szene einsetzt. Durch diese Prinzipien kann Brentford den hohen xG-Wert pro Schuss von 0,14 erzielen, der den höchsten Wert aller Premier-League-Teams darstellt – beachtlich!
Diagonales Ballbesitzspiel
Neben der vertikalen Spielweise verfügt Brentford über eine bedeutende zweite Facette: die Diagonale. Das Team ist im Passspiel darauf ausgerichtet, mit möglichst wenigen Pässen nach vorne zu gelangen, wobei die Diagonale eine zentrale Rolle spielt, um den hohen Druck des Gegners zu brechen.
Warum Diagonale?
Gegnerisches frontales Pressing schneidet lediglich die vertikale Bahn ab. Die beiden Diagonalen (nach oben links und rechts) bieten im progressiven Passspiel freie Winkel, die Brentford gezielt nutzt.

Das hat zwei Hauptgründe:
- Erstens, das gegnerische frontale Pressing konzentriert sich vor allem auf die vertikale Bahn. Die diagonalen Passwege nach oben links und rechts bieten im progressiven Spiel freie Winkel, die das Pressing nur schwer abdecken kann. Diese Passwege ermöglichen es Brentford, die Defensive schnellstmöglich und effektiv überwinden.
- Zweitens, und das ist die hauptsächliche Bedrohung in Brentfords Angriffsspiel, ist die Situation des gegnerischen Innenverteidigers auf Ballseite entscheidend. Wenn Brentfords Spieler auf die Kette zuläuft, muss der Innenverteidiger gleichzeitig zwei Aufgaben erfüllen: Er muss den angreifenden im Zwischenraum verteidigen, der auf die Kette zu läuft, und gleichzeitig den Stürmer in der Tiefe verteidigen. Das führt dazu, dass sich der Innenverteidiger zunächst drehen und wenden muss, um den Stürmer zu decken, während er gleichzeitig die Tiefe verteidigen soll.

Wenn der Pass richtig getimt ist, kann Brentford den Innenverteidiger in eine ungünstige Position bringen: Er hat kaum Zeit, sich rechtzeitig zu drehen, um den diagonal gespielten Pass zu unterbinden. Das führt dazu, dass der Verteidiger erst spät reagiert oder sich nur noch schwer rechtzeitig positionieren kann. Diese Situation nutzt Brentford aus, um direkte 1-gegen-1-Situationen vor dem Tor zu kreieren, die die Mannschaft dank ihrer Effizienz in der Chancenverwertung gezielt ausnutzt.
Vertikales Ballbesitzspiel
Brentfords Spielanlage ist stark auf Vertikalität ausgerichtet. Dies zeigt sich deutlich in den Daten der vergangenen Saison: Das Team spielte die fünftmeisten vertikalen Pässe in der Liga, wobei 36,8 % aller Pässe vertikal waren. Zudem weisen die gespielten Pässe einen “direct speed” von 1,85 auf, was den fünft-schnellsten Wert der Liga darstellt. Gleichzeitig spielt Brentford im Vergleich die fünftwenigsten Pässe pro Sequenz (durchschnittlich 3,3), was in Kombination mit dem hohen “direct speed” auf eine gewisse Ungeduld im Spiel hinweist. Diese Daten belegen, wie vertikal ausgerichtet Brentfords Spielanlage ist.
Die Prinzipien des Teams sind klar: Es soll so früh und so schnell wie möglich vertikal gespielt werden. Das bedeutet, dass bei einer Lücke in der vordersten Abwehrreihe die Offensivspieler sofort in die Tiefe laufen, um den langen, direkten Ball hinter die Abwehr zu spielen. Wird stattdessen Raum vor der Abwehr frei, nutzt Brentford diesen gezielt, um den Ball mit dem ersten oder zweiten Kontakt sofort tief hinter die Kette zu spielen. Diese Herangehensweise ist äußerst erfolgreich: Nur sechs Mannschaften in der Premier League haben mehr Tore im Segment “direct attacks” erzielt als Brentford, nämlich insgesamt sechs.
Konterspiel
Je vertikaler die Spielweise, desto anfälliger kann sie für Ballverluste sein. Brentford ist sich dieses Risikos bewusst und geht es aktiv ein. Um die Gefahr zu minimieren, setzen sie auf sofortiges Gegenpressing und gruppentaktische Duelle um den zweiten Ball.

Im Defensivspiel verfolgen sie das Prinzip des “Trippeln”: Drei Spieler pressen den ballführenden Gegner so aggressiv wie möglich, um den Raum für diagonale Passwege zu minimieren und Verlagerungen seitlich zu erschweren. Dieses aggressive Pressing ist besonders bei gegnerisch tororientierten Aktionen zu beobachten.

Nach Ballgewinnen versucht Brentford, über den Ballgewinner progressiv zu agieren. Durch Dribblings wird Raum geschaffen, um anschließend vor der gegnerischen Abwehrkette klare Passwinkel zu erhalten. Besonders auffällig sind die Laufwege von Mbeumo: Nach Ballgewinnen zieht er im richtigen Timing seitlich in die Breite, weg vom Tor, in Richtung der gegnerischen Innenverteidiger. Diese Läufe sind zunächst weniger auf den Abschluss orientiert, sondern dienen dazu, Passwege in horizontaler Richtung zu öffnen und den zweiten Stürmer in eine klare Abschlussposition zu bringen. Mbeumos Dribblingstärke im 1-gegen-1 ermöglicht es ihm zudem, viele Tore nach erfolgreichen Offensivzweikämpfen zu erzielen.
Das Tottenham-Projekt: Herausforderung Champions League
Thomas Frank bringt nach London eine klare Handschrift mit: schnell, vertikal, diagonal – und vor allem effizient. Seine Brentford-Jahre bewiesen, dass komplexe taktische Systeme auch mit begrenzten Ressourcen funktionieren können. Bei Tottenham wartet nun eine spannende, aber eben andere Dimension.
Das Spurs-Projekt wird Franks Spiel- und Trainingsmethodik auf den Prüfstand stellen. Kann ein System, das auf präzisem Timing und eingespielten Automatismen basiert, auch bei der Mehrfachbelastung der Champions League funktionieren? Die Diagonalität und Vertikalität, die bei Brentford so erfolgreich waren, verlangen intensive Trainingsarbeit – Zeit, die bei englischen Wochen und europäischen Reisen knapp werden.
Wie wird Frank die fehlende Trainingszeit kompensieren, um seine taktischen Prinzipien in einem größeren Kader zu verankern? Werden die Spurs-Spieler die gleiche Disziplin entwickeln und vor allem die Intensität in allen Spielphasen, die Franks Spiel ausmacht, durchhalten können – oder passt sich der Däne erfolgreich an?
Die Antworten auf diese Fragen werden zeigen, ob Thomas Franks Spielidentität auch auf der großen Bühne Europas Bestand hat – oder ob sie ein Brentford-Phänomen bleibt.
Eine Analyse von @denizguelr.



Hinterlasse einen Kommentar