
Ein Kommentar von @lucaslenzen
Für neutrale Zuschauer war das 3:4 gegen Holstein Kiel ein Spektakel. Für Fans von Borussia Mönchengladbach hingegen war es ein beispielhafter Tiefpunkt einer enttäuschenden Saison. Vierzehn Gegentore in den letzten fünf Spielen der Saison sind Ausdruck einer wiederkehrenden Defensivschwäche – und der Frust bei den Anhängern wächst stetig.
Beim folgenden 4:4 in der Partie gegen Hoffenheim eskalierte die Lage weiter. Aus Block 16 und 17 hallten „Seoane raus“-Rufe durch das Stadion. Die Ultras sangen „Ist Borussia mal nicht gut drauf…“, woraufhin aus den oberen Rängen ein sarkastisches „Verarschen könnt ihr euch selber“ zu hören war. Die Mannschaft stellte sich nach dem Spiel zwar vor die Kurve – doch wurde sie von den Fans demonstrativ ignoriert.
Auch die beiden folgenden, Saison abschließenden Spiele, gegen den FC Bayern München und den VfL Wolfsburg, verlor die Borussia. Besonders bitter: Wolfsburg hatte zuvor neun Bundesliga-Spiele in Folge nicht gewonnen – ausgerechnet gegen Mönchengladbach gelang die Wende. Ebenfalls ein Muster, welches den Borussia Fans aus den vergangenen Jahren bekannt vorkommen dürfte, reißen formschwache Gegner doch nur allzu gerne gegen die Borussia das Ruder herum. Im Borussia-Park war die Stimmung entsprechend auch während und nach dem letzten Heimspiel angespannt. Schon vor dem Spiel wurden Pfiffe gegen Trainer Gerardo Seoane laut, die sich nach Abpfiff in lautstarke Unmutsbekundungen gegen Mannschaft und Trainer steigerten.
Sportdirektor Roland Virkus zeigte sich bereits nach dem Spiel gegen die TSG fassungslos – allerdings nicht über die sportliche Leistung, sondern über die Reaktion der Anhänger:
„Was mich erzürnt ist, dass die Jungs gefühlt tot sind, sie haben trotzdem alles für das 4:4 gegeben und keiner freut sich. Das habe ich nicht verstanden.”
Für viele Fans ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr sich die sportliche Führung von der Realität der Fans entfernt hat.
Die sportliche Bilanz der Saison fällt ernüchternd aus:
Einstelliger Tabellenplatz: verfehlt
Europapokal: verfehlt
50-Punkte-Marke: verfehlt
Zwar hat die Mannschaft unter Seoane insgesamt weniger Gegentore kassiert als im Vorjahr, mit 56 Gegentreffern stellt sie dennoch die fünftschwächste Defensive der Bundesliga. Noch alarmierender ist ein Blick auf die sogenannten „Expected Goals Against“ (xGA): Hier belegt Borussia ligaweit nur Rang 16 – schlechter waren lediglich die Absteiger aus Bochum und Kiel. Statistisch gesehen hätte die Mannschaft also noch deutlich mehr Tore kassieren können.
Auch ein Blick auf die „Expected Points“ (xPTS) macht deutlich, dass die Borussia am Ende in dieser Saison zwar mehr Punkte geholt hat als in der letzten Saison, dies so aber statistisch nicht erwartbar war. Die erwartbare Punkteausbeute aus den beiden Seoane Jahren ist nahezu identisch, jedoch hätte die Borussia laut xPTS in der letzten Saison sogar mehr Punkte holen müssen als in dieser Saison. Hieraus lässt sich ableiten, dass die Mannschaft in der letzten Saison unterperformt in der aktuellen Saison jedoch überperformt hat.

Mit Hinblick auf die viel zitierte Entwicklung könnte man also behaupten, dass die aktuelle Saison im Endergebnis vielleicht besser aussieht, es statistisch gesehen aber nicht ist.
Das Fazit, welches Roland Virkus hieraus abzuleiten scheint, lautete nach dem letzten Spiel der Saison wie folgt:
“Ja, wir haben das Vertrauen in den Trainer. Es sind sehr, sehr viele positive Ansätze, das steht fest. Aber wir müssen mit Blick auf das letzte Viertel der Saison alles mit reinnehmen, alles auf den Prüfstand stellen und schauen, warum wir etwas liegengelassen haben – das ist ein Gefühl, das nicht gut ist”
Ein Vertrauen in den Trainer und sehr, sehr vielen positiven Ansätzen, die in einem Saisonfinale aus 7 sieglosen Spielen, 2 geholten Punkten und einem Absturz in der Tabelle von Platz 5 auf Platz 10 endeten.
Vergleicht man die letzten vier Spielzeiten der Borussia



könnte man als einzige Entwicklung evtl. ableiten, dass Gerardo Seoane nach seiner katastrophalen ersten Saison, den bereits zuvor geltenden Status Quo wiederhergestellt hat.
Und dennoch: Die Verantwortlichen wirken im Großen und Ganzen entschlossen, an Gerardo Seoane festzuhalten. Berichten zufolge liegt eine Vertragsverlängerung für ihn bereits in der Schublade, auch wenn diese zumindest vorerst “auf Eis” liegen soll, wirkt eine vorzeitige Verlängerung weiterhin alles andere als ausgeschlossen – trotz ausbleibender Entwicklung, fehlender Zielerreichung und wachsender Fan-Entfremdung. Für viele Anhänger ist das ein weiteres Indiz für einen strukturellen Stillstand im Verein.

Die Kritik an der sportlichen Führung ist deutlich: Ein über Jahre gewachsenes Netzwerk von Entscheidern, die sich gegenseitig den Rücken freihalten, hemmt jede Form von Erneuerung. Der Wunsch nach kritischer Selbstreflexion, nach mutigen Entscheidungen und klaren Korrekturen bleibt bislang unerfüllt. Stattdessen herrscht der Eindruck, dass das „Weiter so“ wichtiger ist als der sportliche Fortschritt.
Nun wiegt die Nachricht zusätzlich schwer, dass Torjäger Tim Kleindienst mit einer Knieverletzung mehrere Monate ausfallen wird. Der Topscorer der Borussia kam auf 16 Tore und 7 Vorlagen – seine Torbeteiligungen werden zu Beginn der kommenden Saison ebenso fehlen wie mögliche Einnahmen aus seinem Verkauf, der kolportiert zwischen 20 und 30 Millionen Euro hätte einbringen können. Damit wächst der Druck auf den Sportdirektor und die Scouting-Abteilung weiter: Die Transfers im Sommer müssen sitzen – mehr denn je.
Angesichts der wackligen Defensive, der Verletzung des wichtigsten Offensivspielers und eines zunehmend entfremdeten Fanlagers stehen Borussia Mönchengladbach unruhige Monate bevor. Die nächste Saison wird zur Bewährungsprobe – für den Kader, den Trainer und die Verantwortlichen im Verein.


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