Zweiter Auswärtssieg in Folge: Der VfL schlägt nach dem überraschenden Sieg in Stuttgart nun auch Union Berlin mit 1:2 und kann sich in der Einstelligkeit erstmals so richtig festsetzen. Durch die Heimniederlage der Bremer gegen die TSG Hoffenheim haben die Fohlen nun vier Punkte Abstand auf den 10. Tabellenplatz.
Seoanes Elf konnte auch an diesem Wochenende mit einer sehr stabilen Leistung überzeugen und fiel, wie zu Beginn gegen Eintracht Frankfurt im vergangenen Heimspiel, in erster Halbzeit weiter mit viel Kontrolle im Ballbesitzspiel auf.
Wieso sich dies in der zweiten Halbzeit änderte und was Seoanes späte Wechsel einbrachten, erfahrt ihr hier!
Aufstellungen: Borussia mit zwei Änderungen – Union mit neuem Stürmer
Gladbach begann ohne Neuhaus, der in Frankfurt vor allem in erster Halbzeit seinen Stempel im Ballbesitzspiel aufdrückte und startete stattdessen mit Sander, neben Weigl, um eine physische Wucht in den Duellen zu entwickeln. In die Startelf zurückgekehrt ist außerdem Nico Elvedi, der krankheitsbedingt gegen Frankfurt ausfiel. Dafür rotierte Marvin Friedrich auf die Bank.
Sonst startete die selbe Elf, wie zuletzt. So auch Union, die ihren neuen Stürmer Ilic von Beginn an brachten und Prtajin auf die Bank versetzten.
Interessant war, dass beide Teams auf dem Papier nicht nur die selben Grundordnungen spielten, sondern auch von der Offensiv-Statik ähnelten: Ein beweglicher und technisch-starker Zehner, neben zwei Flügelflitzern mit Tiefgang – hinter einem Stoßstürmer.
Daher war spannend zu beobachten:
Welche Offensivabteilung setzt sich gegen die jeweils andere Defensive durch?

Borussia spielt – dank ihrer Dominanz
Die Fohlen konnten die erste Halbzeit dominant gestalten. Das lag daran, dass die Abwehrkette im Aufbau mit Weigl einen Spieler in Überzahl hatte. Dadurch konnte Gladbach in sämtlichen Linien breit schieben:
Elvedi und Itakura positionierten sich breit im Halbraum; Ullrich und Scally konsequent an der Seitenlinie; Hack und vor allem Ngoumou ebenfalls. Kleindienst und Stöger schwimmten zwischen den Linien. Die breite Ballzirkulation hatte den Vorteil, dass Union in ihrem kompakten Block selten Druck erzeugen konnte, weil sie eben die Kompaktheit beibehalten wollte. Deshalb spielte Gladbach zwar verhältnismäßig nicht überdurchschnittlich viele Pässe (274 zur Halbzeit – bei 57% Ballbesitz), aber dafür lange, die Unions Pressingwege verlängerten – so blieb Union in ihrem Block „stehen„.

Die breiten Positionierungen hatten zu Folge, dass Union Gladbachs Flügelüberladungen nummerisch aus dem 4-2-3-1 nicht auffangen konnten.
Borussia hatte drei Spieler auf Ballseite (IV, AV und Flügelstürmer) gegen zwei Unioner in den Flügelzonen, sodass sich vor allem Hollerbach oft fragen musste:
Presse ich auf Itakura raus, oder bleibe ich bei Scally?
Ngoumou band mit seiner Position nämlich Linksverteidiger Skov, der somit isoliert wurde und Scally nicht vorwärts pressen konnte.

Im Verlauf der ersten Halbzeit, beginnend mit dem Führungstreffer von Mönchengladbach, fing Hollerbach an Itakura zu pressen und verlor Scally am Flügel. Scally hatte leichtes Spiel seine Position zu finden, da die Räume hinter Hollerbach sehr groß wurden, und somit sein Deckungsschatten nie zur Geltung kam. Abgesehen davon, dass dieser meist frontal anlief, sodass der Pass von Itakura zu Scally noch einmal erleichtert wurde.
Dieses Muster sah man bereits zur 23. Minute, ehe dies in der 26. Minute dazu verhalf, das zweite Tor, durch Tim Kleindienst, zu schießen.

Die Überzahl wurde vor allem auf der rechten Seite von Gladbach bespielt, beim ersten Treffer (10. Minute: Ullrich) konnten sie allerdings den gleichen Ablauf auf der anderen Seite ausspielen:
Ullrich fand seine Position in der vertikalen Zwischenhöhe von Skarke und Juranovic. Während man beim zweiten Tor danach über Passstärke zwischen die Linien Stöger fand, der anschließend Ngoumou einsetzte, kam Gladbach auf links vor allem über das Laufvolumen von Ullrich und Hack:
Ullrich lief mit Ball diagonal ein, sodass Hack die Position in der Breite einnahm. Über einfaches Doppelpassspiel lief das Pärchen bis in die Box hinein. Kleindienst half vorher mit seinem Tiefenlauf, sodass Doekhi und Leite gebunden waren beim Zuspiel von Ullrich auf Hack.


Baumgarts Umstellungen zur Halbzeit: Das Spiel dreht sich
Steffen Baumgart brachte zur Halbzeitpause Innenverteidiger Querfeld für Flügelstürmer Skarke. Was sich im ersten Moment nach einem Defensivwechsel liest, ist im zweiten Moment keiner, denn: Union presste zwar nun aus einer 5er-Kette heraus, dafür aber deutlich höher, weil sie den Zugriff auf den Flügeln bekommen haben.
Aus dem 4-4-2 in erster Halbzeit, presste Union später aus einem 5-2-3 mit Hollerbach und Jeong aus den Halbpositionen. Je einer lief Gladbachs ballführenden Innenverteidiger an. Durch die nummerisch erhöhte Personallage in der Abwehrkette konnten Unions Flügelverteidiger höher durchpressen, wenn Borussias Außenverteidiger den Ball bekamen. Hinter dem Flügelverteidiger schob die restliche Abwehrkette dann auf Ballseite durch.

Die Umstellung hat funktioniert, weil man auf Ballseite die Überzahl ausgleichen konnte.
Seoanes Elf hat in Folge dessen versucht viel über die flachen Außenverteidiger „long-line“ Pässe mit dem entgegenkommenden Flügelspieler Steil-Klatsch zu spielen, um in offene Räume vorzustoßen. Ähnliche Muster auf der linken Angriffsseite der Fohlen haben wir bereits in Stuttgart sehen dürfen.
Andererseits hat Borussia versucht das Unioner Durch-Pressen auf Omlin zu nutzen und über die breite, sowie zeitgleich flache Position von Itakura den Deckungsschatten von Stürmer Ilic zu überspielen. Ilic versuchte aus dem Bogen heraus Omlin anzulaufen, um im Rücken Itakura zu schließen. Doch durch Itakuras Positionsfindung wurde der Pressingweg lang und somit brachen die Fohlen das Wirken und Nutzen des Deckungsschattens, weil Omlin einfach drüber/ oder seitlich hinweg spielen konnte.
Allerdings verlor man früh in zweiter Halbzeit die Kontrolle im ruhigen Ballbesitz, auch, weil Union oft lange Bälle erzwang.
Diese fanden Tim Kleindienst zwar regelmäßig, dieser konnte jedoch selten Bälle fest machen, oder diese geeignet weiterleiten bzw. ablegen. Dem Nationalspieler fehlt ein wenig Timing im Absprung und das Einschätzvermögen der langen Bälle, wo und wann sie runter kommen. Unter anderem deshalb nahm das Spiel spätetens ab der 53. Minute seinen Lauf in Gladbachs Spielhälfte.
Unions Anpassungen helfen auch im Ballbesitz – Gladbach wird tief rein gedrückt
Union spielte im Ballbesitz ebenfalls aus einer 3er-Kette, anders als in erster Halbzeit, in der sie noch aus einem klassichen 4-2-3-1 Aufbau mit hohen Außenverteidigern und einrückenden Flügelspielern agierten.
Gladbachs 4-4-2 spiegelte Unions Staffelung aus der ersten Halbzeit, sodass man aus einer Kompaktheit heraus die Halbräume mit Hack und Ngoumou schloß und folglich seitlich auf Unions Außenverteidiger rauspresste.
Durch die Positionsfindungen von Rothe und musste Ngoumou mit in die Abwehrkette fallen, was zur Folge hatte, dass man im vorderen Block keinen Balldruck erzeugen konnte.

Zusätzlich standen Unions Halbverteidiger Leite und Doekhi breit, sodass Stöger und Hack aus der Kompaktheit im Zentrum weite Pressingwege in Halbräume gehen mussten. Auch das erzeugte kaum Balldruck.
Aus der Domianz der Unioner flogen viele Flanken in und rund um die Box der Fohlen, sodass die Gastgeber in der 63. Minute einen Elfmeter, nach Flankenhereingabe und Foulspiel von Kleindienst, bekamen.
Seoanes Fünferkette: Von ungewollt zu gewollt
In der 74. Minute reagierte Seoane mit zwei Wechseln. Innenverteidger Friedrich und Außenverteidiger Lainer kamen für Ngoumou und Scally.
Die „ungewollte“ 5er-Kette in der zweiten Halbzeit mit Ngoumou als Flügel- und Scally als Innenverteidiger, wurde dann zu einer gewollten mit Lainer, Friedrich, Itakura, Elvedi und Ullrich. Durch die feste Umstellung der Grundordnung kam Gladbach wieder in ihre Spiegelung der gegnerischen Formation und somit zum einfachen Zugriff.
Die Boxverteidigung nahm deutlich an Ordnung und Kontrolle zu; während man über die Frische von Lainer und später Cvancara paar Konterszenen einleiten konnte.
Sicherlich war die zweite Halbzeit nicht gut, sie war jedoch kein Desaster. Eine „okay´e“ Halbzeit vielleicht. In Summe mit der ersten – fast schon sehr guten – Halbzeit ist das für Borussia Mönchengladbach ein verdienter Auswärtssieg bei Union Berlin.
Die Elf von Gerardo Seoane entwickelt dabei immer mehr Selbstvertrauen in ihrem Ballbesitzspiel, welches zunächst zur Spielkontrolle, nun zunehmend zur Torchancen führt. In Stuttgart schoss man beide Tore schon aus dem Positionsspiel heraus, so auch am Wochenende in Berlin.
Des Weiteren gewinnt man den Eindruck, dass die Fohlen hinten raus deutlich frischer sind, als in der letzten Saison. Das mag auch an der gesteigerten Ballkontrolle liegen, sodass die Fohlen nun erste Halbzeiten ressourcenschonend bestreiten können.
So haben sich zweite Halbzeiten bei Führungen gar nicht massiv verändert, schaut man auf die Aus- und Einwechslungen 23/24 im Auswärtsspiel gegen Heidenheim
(Itakura für Neuhaus (71.´); Friedrich für Lainer und Netz für Honorat (je 76.´), stellt man fest, dass dort auch Defensivpersonal eingewechselt wurde – zudem wechselte man damals vom 4-3-3 auf eine 5er-Kette. Doch die Art und Weise, wie man die Formation lebt und mit Energie füllt, hat sich massiv verändert – Dank der gesteigerten Ballbesitzkontrolle und der damit eingehenden Frische hinten raus.
Eine Analyse von Deniz.


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