Fokus auf Überladung in der Breite beim Derby – Taktikanalyse Köln vs BMG 3:3

Foto: Dirk Päffgen

Drei Treffer in sieben Minuten, lange Bälle, wilde Zweikämpfe – das Rheinderby zwischen Gladbach und Köln hielt in der ersten Halbzeit kaum inne. Beide Trainer zeigten sich an der Seitenlinie sichtlich unzufrieden mit Hektik ihrer Mannschaften und mahnten immer wieder zur Ruhe im Aufbauspiel. Doch hinter der Wildheit steckte mehr, als es auf den ersten Blick schien.

Köln begann das Derby mit einem klaren Matchplan: ein ballbesitzorientiertes 4-2-3-1, das sich dynamisch in ein 2-4-3-1 verschob und über Tiefenläufe sowie lange Bälle hinter die Kette früh für Gefahr sorgte. Gladbach begegnete dem mit einem asymmetrischen 5-4-1, das im Zentrum auf ein enges Geflecht aus Mann- und Raumorientierungen setzte – und die Kölner damit konsequent auf die Flügel zu lenken versuchte. Was trotz des chaotischen Eindrucks zu beobachten war: strukturelle Pressingmechanismen, taktische Anpassungszyklen und ein Gladbacher Ballbesitzspiel im 3-3-4, das die Breitenüberladung zum Kernprinzip machte. Ein Derby, das tatsächlich weit mehr zu bieten hatte, als beide Trainer wahrhaben wollten.

Eine Analyse von Deniz Güler (@DenizGuelr).

Taktische Beobachtungen: Köln vs. Gladbach

Kölns Grundstruktur im Ballbesitz

Köln agierte im Aufbauspiel aus einem 4-2-3-1, das sich dynamisch in ein 2-4-3-1 verschob. Die Außenverteidiger banden dabei breit an der Seitenlinie, während die Flügelspieler in die Halbräume einrückten. Zehner und Mittelstürmer fokussierten die zentrale Überladung durch vertikale Staffelung – mit klarem Fokus gegen Elvedi.

Das bevorzugte Ballmuster der Kölner waren tiefe Läufe aus der dritten Linie: Kaminski positionierte sich tief hinter Sander, Elvedi wurde durch Ache gebunden, und Özkacar spielte lange Bälle hinter die Kette – erstmals sichtbar in der zweiten Spielminute.


Gladbachs Defensivstruktur: 5-4-1 mit asymmetrischer Flügelbesetzung

Gegen den Ball formierte sich Borussia in einem 5-4-1, das auf der rechten Defensivseite auf Dopplung setzte – Scally und Honorat agierten dort gemeinsam – während auf der linken Seite die Isolierung im Halbraum über Stöger im Vordergrund stand.

Die Rollenverteilung war dabei klar asymmetrisch: Auf der rechten Defensivseite sollte Scallys Athletik El Mala matchen. Honorat positionierte sich deshalb flach und vor allem breiter als sein Gegenüber Stöger, um Kölns Linksverteidiger Lund mannorientiert zu verfolgen. Stöger hingegen schob auf der linken Defensivseite weiter ins Zentrum, um Sechser Johannesson zu decken. Dass Rechtsverteidiger Neumann dadurch im direkten 1vs1 gegen Castrop isoliert blieb, war ein kalkuliertes Risiko – denn Gladbach wollte damit das Mittelfeldzentrum als Blockeinheit stärken. Engelhardt ließ sich als Anker vor die Abwehr fallen, während Stöger und Reitz die gegnerische Doppel-Sechs deckten. Gleichzeitig konnte die Abwehr aus einer 5vs4-Überzahl heraus agieren.


Pressingauslöser und Zentrumskontrolle

Als Pressingauslöser dienten horizontale Pässe der beiden gegnerischen Innenverteidiger. Rocco Reitz agierte dabei aus einer höheren Position und auf dem Sprung, um den horizontalen Ball von van den Berg zu Özkacar zu pressen. Tabaković schloss mit seinem Deckungsschatten das Zentrum, wobei sich die gegnerische Doppel-Sechs aus Johannesson und Martel ohnehin kaum freilief.

Das Spinnennetz, das die Fohlen im Mittelfeldzentrum aufbauten, war für den FC vermutlich zu riskant, um dort hineinzuspielen. Stöger und Engelhardts hybride Aufteilung zwischen Mann- und Raumorientierung verknapte Zeit und Raum für Zuspiele in diese Zonen erheblich. So gelang es Rocco Reitz situativ herauszustechen und Rückpässe auf Torhüter Schwäbe zu provozieren.

Die Fohlen entschieden sich jedoch bewusst dagegen, diese Rückpässe durchzupressen. Die numerische Unterzahl durch die Einbindung von Schwäbe im Aufbauspiel erzeugte ein 2vs3-Unterzahlspiel, das BMG zwar zustellte, aber nicht aktiv anpresste. Das lag auch daran, dass Engelhardt nicht bereit war, auf Martels tiefere Position zu springen, sondern den Raum vor der Abwehr kontrollieren wollte. So musste Reitz auf Martel zurückfallen – mit der Folge, dass nicht nur Schwäbe, sondern auch Innenverteidiger Özkacar einen freien Fuß zur Verfügung hatte.

Es gehörte zum Gladbacher Matchplan, Räume und Passwege innerhalb des Defensivblocks zu schließen, anstatt Druck auszuüben, und damit die Zeit am Ball für die Gegenspieler zu verknappen. Zurück im Block fokussierte man sich weiter auf Zonenkontrolle.


Diagonale Pressingwinkel und Flügelkontrolle

Torhüter Schwäbe ging mit Ball am Fuß weit nach vorne, während die Innenverteidiger aufsplitteten. Borussia schloss weiterhin das Zentrum und presste mit Stöger oder Reitz aus den Achter-Räumen diagonal den anspielenden Innenverteidiger an. Durch diese diagonalen Pressingwinkel wurden Passwege ins Zentrum konsequent geschlossen und der Gegner gleichzeitig auf die Flügel gelenkt. Dort wechselte man in Mannorientierungen: Castrop presste auf Neumann, Diks auf Maina und Engelhardt auf Johannesson.

Borussias Problem dabei war, dass man gegen die Vertikalität der Kölner über die Breite keine sauberen Ballgewinne erzielen konnte. Fehlpässe von Köln – etwa wenn Diks einen Ball einsammelte – wurden durch die Ballnähe der Kölner auf den Flügeln sofort gegengepresst, sodass Gladbach selbst wieder lang rausspielen musste. Den nötigen Druck im Durchpressen konnte man dabei nicht erzeugen, da die Personalkraft fehlte – jene Spieler, die im Block um Kompaktheit bemüht waren.

Kölns Sechser Martel ließ sich zusammen mit Torhüter Schwäbe und den beiden Innenverteidigern nach Gladbachs Ballgewinnen und langen Bällen zügig fallen, sodass man mit vier Spielern numerisch stark besetzt war, um das Aufbauspiel zu forcieren – während sich Tabaković alleine im Durchpressen befand.


1:1 – El Mala (4. Minute)

Borussia war darauf bedacht, in seinen Räumen erfolgreich zu blocken, konnte aber nach Kölns neu aufgezogenen Spielaufbausequenzen nicht den nötigen Druck erzeugen. Der Grund: Kölns Innenverteidiger staffelten sich tief, sodass Gladbachs Zonenkontrolle im Block weite Pressingwege erfordert hätte, um überhaupt Druck aufbauen zu können.

Die Folge war, dass beim 1:1 vor allem van den Berg als Innenverteidiger im Kombinationsspiel mit Rechtsverteidiger Neumann genug Raum und damit Zeit hatte, um an Spielfeldhöhe zu gewinnen. Ausschlaggebend für das frühe Ausgleichstor war das Abkippen in der Breite des ballnahen Sechsers Johannesson, der sich früh und damit weit von Stöger befreien konnte. Der Österreicher war darauf bedacht, diagonale Zuspiele vom Flügel in Gladbachs Block hinein zu vermeiden – auf Kosten der aufbauenden Ballkontrolle der Kölner, die eben über die Abkippbewegungen von Johannesson funktionierten. Dieser durfte bei Ballerhalt frei aufdrehen.

Kwasnioks Spielprinzipien wurden dabei unmittelbar sichtbar: El Mala startete sofort in die Tiefe, als er erkannte, dass Johannesson ohne Druck aufdrehen durfte. Während sich Sander in Manndeckung gegen Stürmer Ache befand, isolierte El Mala Scally – der sich im Moment des langen Balls von Johannesson irritiert zeigte und in der Aufnahme des Laufweges kurzzeitig stoppte. Dieser Zeitvorteil verhalf El Mala zu den entscheidenden Sekunden, um den Ball anzunehmen und zum Abschluss zu kommen.

Scallys Irritation entstand mutmaßlich, weil er im Augenwinkel Außenverteidiger Lund in der Breite wahrnahm – dieser stand zwar ohne Gegenspieler, aber weit weg vom Tor. Den Ball von Johannesson schätzte Scally zunächst falsch ein: Er empfand, dass der lange Ball auf Lund in die Breite gespielt werden würde, orientierte sich kurzzeitig um und korrigierte seine Einschätzung erst, als er den Laufweg von El Mala wieder aufnahm.


2:1 – Ache (7. Minute)

Honorats große Defizite im Pressingspiel wurden unmittelbar vor dem zweiten Kölner Treffer in zwei aufeinanderfolgenden Situationen sehr deutlich.

Bereits in der Entstehung des Einwurfs, der letztlich zum Tor führte, gelang es dem FC erneut über Johannessons Abkippbewegung, den Gladbacher Block für Verlagerungsspiel zu öffnen. Auf der rechten Defensivseite der Fohlen angekommen zeigte sich Honorats Schwäche erstmals konkret: Er unterließ den vertikalen Pressingweg auf den ballführenden Innenverteidiger Özkacar. Scally hätte in diesem Moment horizontal auf Lund schieben können, sodass Sander El Mala übernimmt – doch Honorat blieb in seiner Position. Köln konnte dadurch über die Breite ausspielen, auch weil Honorat trotz Raumvorteil den Passweg auf Lund offenließ. Die Flanke landete im Seitenaus. Doch die Szene geht weiter…

Dieselbe Situation entstand unmittelbar darauf ein zweites Mal: Köln verlagerte erneut von rechts nach links auf Lund. Honorat erkannte erst sehr spät, dass Lund den Ball bekommen würde – der Pressingweg war dadurch so weit, dass Lund den Ball im ersten Kontakt hinter die Kette chippen konnte.

In der Folge verpasste Engelhardt es in der Vororientierung, Kaminski aufzunehmen, während Elvedi im Rücken Ache aus den Augen verlor. Sander war nominell El Mala zugeteilt, erkannte jedoch in Positionierung und Körperhaltung sehr wohl, dass Ache Elvedi im Rücken davonläuft – entschied sich dennoch dafür, mannorientiert bei El Mala zu bleiben.


Nach dem 1:0 durch Ache (7. Minute): Aktiveres Pressing

Nach dem Führungstreffer der Kölner durch Stürmer Ache in der siebten Spielminute wurden die Fohlen im Defensivspiel aktiver. Borussias rechte Defensivseite stand nun höher und damit deutlich mannbezogener – auf dem Sprung, aber nicht manndeckend. Scally orientierte sich an der flachen Positionierung von Linksverteidiger Lund, während Sander im 1vs1 El Mala manndeckte. Honorat konnte dadurch höher positioniert im äußeren Bogen Innenverteidiger Özkacar anlaufen. Auch Stöger zeigte sich auf der linken Seite deutlich aktiver in der Pressingauslösung: Er antizipierte die Verlagerungen zwischen den gegnerischen Innenverteidigern und dem tiefer postierten Martel früh und konsequent. Durch die fehlenden Bewegungen der Kölner, und der Raumverknappung der Gladbacher Mittelfeldkette in Ballnähe, war ein Um- oder Überspielen des pressenden Stöger kaum möglich. Stattdessen spielten die Kölner oft Rückpässe, oder unkontrollierte Bälle hinter Borussias Abwehrkette.

Im Mittelfeldzentrum bildete Borussia eine Pressingdiagonale: Reitz‘ Manndeckung gegen Martel und Engelhardts Raumorientierung vor der Abwehr nahmen Kwasnioks bevorzugtes Passmittel ins Zentrum hinein – von halblinks oder halbrechts diagonal ins Zentrum. Auch Stöger schob ballfern noch aggressiver ins Zentrum, um Johannesson mannzudecken.

Die Folge war, dass der Effzeh über einfache Klatscher – vom Innenverteidiger zum Sechser und wieder zurück – an Positionshöhe verlor, weil Gladbach mit jedem Rückpass weiterrücken konnte. Tabaković lief in letzter Ebene Torhüter Schwäbe im inneren Bogen an, während Gladbachs Abwehrkette in 1vs1-Zuteilung direkt am Gegenspieler gestaffelt war.


Strukturelle Schwäche bei langen Bällen – und Sanders Defizite

Die daraus resultierenden langen Bälle von Schwäbe verteidigten die Fohlen zunächst strukturell schwach: Die letzte Kette ließ sich horizontal, besonders im Zentrum zwischen Elvedi und Diks, auseinanderziehen. Durch die Manndeckung der beiden genannten Innenverteidiger konnten sich Kaminski – im Zentrum aus dem Rücken Engelhardts – und El Mala – im Halbraum von Sander – lösen und auf die Kopfballweiterleitungen von Stürmer Ache lauern.

Insbesondere Sander zeigte in diesen Details recht deutlich, dass er ein gelernter Mittelfeldspieler ist und in Orientierung sowie Koordination in der Abwehr Probleme aufweist.

Ab der 16. Minute stabilisierte sich vor allem Elvedi, der bei langen Bällen früh von seiner Manndeckung gegen Ache abwich und stattdessen die Tiefe verteidigte. Durch die tiefe Positionierung der Sechser bei Ballbesitz von Schwäbe hatte Gladbach rund um den zweiten Ball Überzahl und konnte Tiefe und Ablagezonen gleichermaßen dominieren. Die Ballbesitzquote stieg.


Kölns Destabilisierungsversuche und Reitz‘ Ballgewinne

Köln versuchte, die Intensität zu nutzen, um über Steil-Klatsch-Pässe vom Flügel kommend im Halbraum – in Verbindung mit Zehner Kaminski – Borussias Mittelfeld zu destabilisieren. In dieser Phase des Spiels gelang es vor allem Rocco Reitz, viele Bälle im Block zurückzugewinnen: Ballfern bewies er im Timing ein frühzeitiges Einschieben und konnte so in Ballnähe Präsenz zeigen.

Die daraus resultierenden Ballgewinne ließen sich für Gladbach allerdings weiterhin schwer in Spielvorteile ummünzen. Die Gastgeber betrieben von Beginn an ein aggressives Gegenpressing und pressten den jeweils Ballführenden mit zwei Spielern aus unterschiedlichen Richtungen an – vorwärts und diagonal von hinten –, sodass Borussias Ballgewinner mit Rückpässen operieren mussten. Bei aufkommendem Balldruck versuchten die Gäste zunehmend, mit ein bis zwei Kontakten auf dem Flügel durchzuspielen und auf Stöger abzulegen, der Tabaković und Honorat in der Tiefe einsetzen sollte.


Zweite Halbzeit: Kaminskis Positionswechsel und seine Auswirkungen

In der zweiten Halbzeit hatte Kaminskis veränderte Positionierung sowohl gegen den Ball als auch im Kölner Ballbesitz spürbare Effekte. Während El Mala in der ersten Halbzeit im Halbraum in der Linie klebend agiert hatte, interpretierte Kaminski den Raum eher entgegenkommend und war somit zwischen den Linien zu finden.

Sander hielt seine Position in der Abwehr – gleichzeitig war man in höheren Ebenen nicht kompakt genug, um Passwege zu schließen. Honorat war darauf bedacht, im äußeren Bogen Linksverteidiger Lund im Deckungsschatten zu halten und gleichzeitig Innenverteidiger Özkacar zu pressen. Dadurch hatten die Gastgeber einen kontrollierten Ballvortrag und konnten sich über die Flügel und den vertikal einlaufenden Johannesson im Zwischenlinienraum befreien sowie die Seite verlagern. Durch dieses Verlagerungsspiel gewann der Effzeh an Positionshöhe.

Gladbach war bedacht, die Kompaktheit zu behalten – doch die ständigen Verschiebebewegungen öffneten ballfern immer wieder Raum und fanden den breit postierten Kaminski. Der Positionstausch zwischen Kaminski und El Mala zeigten dabei klare positive Effekte für den Effzeh: Kaminski konnte im Zusammenspiel mit Lund aus dem 2vs2 Innenbereiche andribbeln, die Scally nicht verteidigt bekam. Kaminski ist in der Ballführung unter hohem Druck technisch stärker als der Tempodribbler El Mala und dazu kreativer in der Chancenkreation über Steck- und Steilpässe.

El Mala wiederum konnte sich näher rund um den Strafraum positionieren und Läufe im Halbraum starten – so wie in der 49. Minute, als er nach einem Steckpass von Kaminski seitlich frei vor Nicolas auftauchte, ehe Elvedi in letzter Not klären konnte.


Gladbach im Ballbesitz – 3-3-4 für die Breite!

Grundstruktur und Überzahl auf den Flügeln

Borussia agierte im Ballbesitz in einer 3-3-4-Staffelung, um auf den Flügeln systematisch Überzahl zu schaffen. Links formierten sich Diks, Castrop und Stöger in einem 3vs2, rechts sorgten der abkippende Reitz, Sander und Scally ebenfalls für ein 3vs2 – gegen Kölns 4-2-3-1 im Defensivverbund. Diese Staffelung zwang Köln systematisch dazu, nicht pressen zu können, weil die eigenen Flügelspieler sich in Unterzahl befanden. Die Gastgeber mussten in den Block zurückfallen, was den Borussen reichlich Zeit am Ball gewährte.

Gleichzeitig konnten die Fohlen durch die breitgefächerte Staffelung das Tempo in der Ballzirkulation nur unzureichend erhöhen, weil die Verbindungen in die letzte Linie kaum vorhanden waren. Borussia war darauf bedacht, Kölns Abwehrkette durch die hohe Positionierung und tiefe Läufe weit zurückzudrücken – sodass etwa Rocco Reitz als Überzahlspieler in der zweiten Linie Honorat und Scally sofort in die Tiefe schicken konnte. Köln verteidigte diese Bälle in der letzten Linie gut: Man positionierte sich konsequent hinter Gladbachs Spielern, gab damit zwar den Druck auf flache Zuspiele in die Spitze auf – doch war auch das ein kalkuliertes Risiko, denn weder Honorat, noch Scally oder Tabaković haben die nötige Qualität, um diese Zuspiele zu verwerten. Köln sicherte die Tiefe früh durch konsequentes Fallen und das frühzeitige Aufnehmen der Laufwege.


Wilde Phase nach dem 1:2 – Stabilisierung ab der 13. Minute

In den Folgeminuten nach dem zweiten Kölner Treffer wurde das Spiel sehr wild: Beide Teams spielten jeden Ball lang und teils auch hoch. Beide Trainer waren sichtlich bemüht, mit Gesten für Ruhe in der Ballzirkulation zu sorgen und die Struktur wiederherzustellen.

Ab der 13. Spielminute stabilisierte sich Borussia erstmals aus dieser Phase heraus – zunächst über einen Einwurf und einen zweiten Ball, anschließend über ein Foulspiel von El Mala an Scally auf Höhe der Mittellinie, das den Freistoß einbrachte. Gladbachs Staffelung begann an Struktur zu gewinnen, mit dem Fokus darauf, die Breite zu bespielen und über einen abkippenden Achter Überladung zu erzeugen. Stöger und Reitz verstanden es dabei gut, bei Zuspielern auf Castrop oder Scally rechtzeitig unter den Ball zu kommen und deren Ablagen mit sofortigen Pässen in die Tiefe zu bedienen.

Tabaković und Honorat konnten zwar kaum Duelle gewinnen, weil sich Kölns Abwehr stark auf Tiefensicherung fokussierte – verloren dadurch jedoch an Präsenz für zweite Bälle. Die Tiefenpässe Gladbachs, die über Umwege bei Torhüter Schwäbe landeten, begrüßte Sechser Martel sehr früh durch sein Abkippen, um das Durchpressen der Gladbacher zu verhindern. Schwäbe ignorierte diese Bewegungen jedoch und schlug früh lang, sodass Martel bei zweiten Bällen fehlte – die vor allem Engelhardt für sich zu nutzen wusste.


Borussias Matchplan in a nutshell: Fokus auf Überladung der Breite – Sanders Treffer zum 2:2

Der Kern von Gladbachs Spielplan lag in der Überzahlerzeugung über die Breite. Reitz kippte dafür zwischen die Innenverteidiger ab, während Engelhardt und Sander in der Breite Kölns Flügelspieler banden. Durch dieses Abkippen entstand ein 3vs2 mit Elvedi und Diks gegen Kölns anlaufenden Doppelsturm. Grundsätzlich versuchte Borussia solche Überzahlen über die Breite mit dem Andribbeln des Raums seitlich der anlaufenden Stürmer zu nutzen – und weniger über Pässe zu bespielen.

So nutzte Elvedi den freien Halbraum – erzeugt durch die Überzahl und bewusste Gegnerbindung am Flügel – mit einem Andribbeln und anschließend einem überragenden Flugball auf die ballferne Seite, wo sich Castrop im isolierten 1vs1 gegen Rechtsverteidiger Neumann befand. Die Fohlen nutzten dabei die Schwäche der gegnerischen Viererkette aus, die auf Ballseite verschob und ballfern in der Breite dadurch verwundbar war.

Castrops Einzelaktion sowie das Nachrücken aus der zweiten Welle in die gegnerische Box waren spielentscheidend: Honorat, Tabaković und Scally banden alle verbliebenen Abwehrspieler tornah. Zudem zog Castrop mit seinem Dribbling nicht nur Rechtsverteidiger Neumann auf sich, sondern auch den ballnahen Sechser Johannesson, der zur Dopplung rausschob – und damit den ballfernen Sechser Martel zwang, mit auf die Seite zu verschieben, um Stöger zu decken. Sander gewann dadurch große Räume am zweiten Pfosten.


Nach dem Ausgleich: Ballzirkulation als Mittel zur Kontrolle

Nach Sanders Ausgleichstreffer zum 2:2 in der 20. Spielminute stabilisierte sich Gladbach vollends über Ballzirkulation. Köln kam durch die breite Staffelung und Überladung der Fohlen nicht ins aktive Pressing. Gleichzeitig konnte Borussia daraus wenig Kapital schlagen: Die letzte Linie hatte kaum Verbindungen zum ersten Block. Zwar gelang es durch die hohe Angriffslinie, Kölns Abwehr erfolgreich tiefer zu drücken – in der Spitze selbst zeigte man sich jedoch äußerst statisch, mit wenig Gegenläufigkeit.

So ließ sich Borussia an der Seitenlinie relativ einfach in kleinere Pressingsituationen verlocken und schlug – trotz vorhandener Rückpassoptionen – vor allem durch Diks früh lange Bälle. Die Phase der Ballkontrolle löste sich damit ab der 29. Minute zunehmend auf, sodass sich die restliche erste Halbzeit auch in der Ballbesitzquote neutralisierte.


Zweite Halbzeit: Kölns Anpassung – Borussias Gegenlösung mit horizontalen Dribblings und Rochaden

Ab der 47. Minute passte sich der Effzeh gegen den Ball leicht an: Kaminski wich im 4-4-2 bzw. 4-2-3-1 auf die Flügel, während El Mala neben Ache anlief. Maina war auf dem rechten Flügel höher positioniert, um früher auf dem Sprung zu Diks zu sein. Kaminski verteidigte mannorientiert, um Reitz aus dem Spiel zu nehmen und dessen Abkippen gegebenenfalls zu begleiten. Der Vorteil dieser Staffelung lag darin, dass El Mala durch Mainas höhere Positionierung die Überladung der Fohlen in der Breite numerisch ausgleichen und Sander pressen konnte.

Borussia fand nach den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit gute Lösungen, um erneut die Überzahl in der Breite im 3vs2 herzustellen – über Positionsrochaden in der ersten Linie. Durch Kölns Anpassung hatten die Fohlen formell keinen Überzahlspieler mehr in der Breite. Wenn Reitz sich aus dem Zentrum auf die Flügel bewegte, folgte ihm El Mala.

Borussias Antwort darauf waren horizontale Dribblings, gepaart mit Rochaden von Sander, Elvedi und Diks. Das Zentrum schloss Köln mit Deckungsschatten und teils Mannorientierungen – allerdings auf Kosten des Pressingdrucks auf Gladbachs erste Aufbaulinie, sodass Sander und Diks horizontal aufdribbeln konnten.

Exemplarisch dafür die Szene in der 55. Spielminute: Elvedi spielt den Ball zu Sander, schiebt anschließend hoch und öffnet den horizontalen Weg zu Diks. Sander dribbelt vom Flügel ins freigezogene Zentrum, spielt dann den Pass zu Diks und schiebt dabei selbst ins Zentrum und höher. Gleichzeitig fällt Elvedi auf Sanders ehemalige Position – und kann sich damit von Aches Mannorientierung lösen, denn Ache schiebt nun auf Engelhardts zentrumsfokussierte Position auf der Sechs. So dribbelt Diks von links ins Zentrum und kann auf den nun rechts positionierten Elvedi verlagern.

In der Zwischenzeit kippte Reitz auf den Flügel und kreierte mit Elvedi und Scally erneut die numerische Überzahl in der Breite – 3vs2. Bemerkenswert ist zudem, dass Reitz in der Spielfortsetzung am Flügel den Ball erhielt und durch El Malas Fehlentscheidung im Pressing in den gegnerischen Block eindringen konnte. Von dort aus hatte Reitz in der Diagonalen viele Winkel zu bespielen – und gleichzeitig zeigte die letzte Linie endlich in allen Positionen Gegenläufigkeit, zog sich damit Räume frei, die Reitz in Person von Honorat bespielen konnte.


Das passive Gladbach hinten raus

Borussia stabilisierte sich zwischenzeitlich auch durch Ballbesitzqualität – finalisiert in der Entstehung zum 2:3-Treffer von Castrop in der 60. Spielminute.

Das Problem begann für die Fohlen dann allerdings dort, wo es sich bereits im Heimspiel gegen St. Pauli abgezeichnet hatte: ein viel zu passives Defensivspiel. Von der 61. bis zur 84. Spielminute, als das 3:3 fiel, hatten die Fohlen lediglich 23 % Ballbesitz, eine Passquote von 47 % und standen einem 4:0-Schussverhältnis zugunsten des Effzeh gegenüber. Borussia ließ vor allem zwischen der 80. und 85. Spielminute drei Ecken zu, die möglich waren, weil die Fohlen erst strukturell, dann individuell passive Probleme aufweisten. Kwasnioks Einwechslungen von Kainz, Bülter und Waldschmidt gaben deutlich mehr Präsenz zwischen den Linien, die von Borussias Abwehrspielern nicht verfolgt wurden. Sie kontrollierten eher den Raum und die Tiefe, und fielen im Block, als die Zehner der Kölner zwischen den Linien gefunden wurden. Besonders Engelhardt erwies hier, dass der Sechser Probleme im aktiven Verteidigen hat; Intensität aufzubauen und Zweikämpfe einzugehen fallen ihm schwer. Dazu kommt, dass Borussia – wie schon beim Auswärtsspiel in Frankfurt – Probleme bei der Verschiebebewegung der Restkette hat. Bei Flügelaktionen des Gegners isoliert sich Borussia dort mit einem Außenverteidiger, während die Restkette ballfern mannorientiert klebt, sodass sich Halbräume für den Gegner in die Box hinein öffnen.

Probleme der Restkette beim Auswärtsspiel in Frankfurt

Die Fohlen ließen weder gegen St. Pauli, noch Köln hochkarätige Torchancen zu, doch sie erhöhen mit jedem Meter, den sie zurückweichen, die Wahrscheinlichkeit für Ecken, Schüsse, Flanken und sonstige Kuriositäten, die entstehen können. Ähnlich zeigte man sich bereits Ende Januar im Ligaspiel in Bremen. Auch dort wurde man nach der Führung zur 61. Spielminute zu passiv und beendete diese Phase des Spiels mit dem Schlusspfiff und 20% Ballbesitz, sowie einem Ausgleichstreffer kurz vor Schluss.

Dennoch bleibt genug positives in den letzten Wochen zu erkennen:
Borussias vermehrter diagonale Fokus in der Staffelung, die Überladung in der Breite und erstmalige Rochaden und Dribblings der Abwehrspieler unter Druck. Borussia geht weitere Schritte zum modernen Fußball, der inhaltlich vonnöten ist.

Eine Analyse von Deniz Güler.

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