Borussias statischer Ballbesitz – Was fehlt um torgefährlich zu sein?

Ballbesitz ist nicht gleich Ballbesitz – was Martin Rafelt wirklich meint

Ballbesitz gilt im modernen Fußball oft als Qualitätsmerkmal. Teams mit hohen Ballbesitzquoten werden automatisch als dominant, kontrollierend oder spielstark eingeordnet. Doch laut Taktiker, und Co-Trainer der U19 Preußen Münsters, Martin Rafelt ist diese Sichtweise zu oberflächlich. Ballbesitz ist nicht gleich Ballbesitz – und der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Passzahl, sondern im Umgang mit Druck.

Rafelt unterscheidet zwei grundlegende Faktoren, die zu hohen Ballbesitzwerten führen. Der erste ist der klassische, oft diskutierte: lange Ballzirkulation. Teams wie die von Pep Guardiola lassen den Ball geduldig laufen, um den Gegner zu ermüden, Druck zu umspielen und Angriffe sorgfältig vorzubereiten. Diese Spielweise hat klare Vorteile: Sie erlaubt es, das Tempo zu kontrollieren, defensive Strukturen des Gegners zu verschieben und Angriffe mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit zu starten.

Gleichzeitig bringt diese Art von Ballbesitz aber auch einen Trade-off mit sich. In manchen Situationen könnte ein Team vertikal spielen, entscheidet sich aber für Sicherheit und Kontrolle. Dadurch werden Angriffe länger vorbereitet, was zur Folge hat, dass die Anzahl der Angriffsversuche sinkt. In Phasen reiner Zirkulation entsteht zudem eine Art Patt: Der Gegner bekommt den Ball nicht, aber das ballbesitzende Team kommt auch nicht zwingend vorwärts. Ballbesitz ist in diesen Momenten neutral – er gewinnt das Spiel nicht automatisch.

Gladbachs Ballbesitz in Frankfurt als Musterbeispiel für Rafelts These

Schaut man sich Borussias erste Halbzeit in Frankfurt an, wird deutlich, dass Gladbach auf genau jenes Problem getroffen ist: Zwar hatte man in der ersten Halbzeit ca. 60% Ballbesitz, jedoch nur einen xG-Wert von 0.66 (Quelle: Sofascore.com). Borussia zirkulierte den Ball in ihrer breit angelegten Dreierkette.

Teilweise kippte in diese Linie zusätzlich Sechser Yannik Engelhardt ab, der die Viererreihe komplettierte. Doch die Fohlen haben selten die Intention und die Staffelungen, sowie die Bewegungen, um im Druck des Gegners handeln zu können.

Die Angst vor dem Druck

Der zweite Faktor ist laut Rafelt deutlich relevanter und wird in der öffentlichen Diskussion stark unterschätzt: Ballbesitz unter Druck. Gemeint sind die Momente, in denen ein Team den Ball eigentlich verlieren könnte – im Pressing des Gegners, nach einem Ballverlust, in engen Räumen – und dennoch Lösungen findet. Das kann das saubere Ausspielen aus dem Druck sein, das sofortige Gegenpressing oder das individuelle Durchsetzen in engen Situationen.

Dieser Aspekt hat für Rafelt keine Nachteile. Wenn ein Team unter Druck den Ball behält oder ihn schnell zurückerobert, verhindert es Konter, erhält eine neue Angriffsgelegenheit und hält die Initiative. Pressing-Resistenz, Entscheidungsfindung und technische Sauberkeit unter Gegnerdruck sind deshalb zentrale Qualitätsmerkmale moderner Topteams.

Doch die Borussia geht diese Komponente stark abhanden. Einerseits, weil die Fohlen ein äußerst statisches Positionsspiel – insbesondere der letzten Angriffslinie – pflegen.
So können keine Dynamiken enstehen, die den Gegner destabilisieren – und selbst in Kombinations- und tiefgängiges Spiel gelangen.

Andererseits geht die Bereitschaft verloren, sich unter Druck durch Positionsspiel zeigen zu wollen. Borussia hat zu wenige vertikale und diagonale Linien, sodass oft nur zwei horizontale Ketten enstehen, die eben nur Bälle in den Fuß (vertikal) erlauben, oder die Verlagerung auf den Nebenmann (horizontal). Borussia müsste also sein Positionsspiel in mehrere Ebenen staffeln, dann die Spieler coachen, wie sie sich unter Druck zu verhalten haben – und welche Spieler sich wie in der Angriffsfortsetzung bewegen müssen, um daraus ableitend Torgefahr produzieren zu können.

Guardiola-Teams gelten als Paradebeispiel, weil sie beide Aspekte auf hohem Niveau vereinen: geduldige Ballzirkulation und extreme Robustheit unter Druck. Dadurch entstehen die extrem hohen Ballbesitzquoten, die man aus Barcelona, Bayern oder Manchester City kennt.

Rafelt kritisiert jedoch, dass Analysten, Fans und Medien den Fokus fast ausschließlich auf lange Ballbesitzphasen legen. Die wirklich entscheidenden Momente – die Lösungen unter Druck – werden selten systematisch betrachtet, obwohl sie oft den Unterschied zwischen durchschnittlichen und elitären Offensivteams ausmachen. Die besten Angriffsmannschaften sind nicht zwingend jene, die den Ball am längsten halten, sondern jene, die Drucksituationen mit dem Ball lösen können.

Sein Fazit ist klar: Wer Ballbesitz analysieren will, sollte weniger auf Prozentzahlen und Passketten schauen und mehr auf die Fähigkeit, den Ball unter Druck zu sichern. Dort entscheidet sich, ob Ballbesitz Kontrolle bedeutet – oder nur kosmetische Statistik.

Für Borussia also allerhöchste Zeit sich diesen Themen intensiver zu widmen.

Martin Rafelt im Video.

Eine Analyse von Deniz Güler (@denizguelr).

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