Das 1:1 in Bremen wirkt auf den ersten Blick wie ein Borussiatypischer Auswärtspunkt: In Polanskis Worten “kein Leckerbissen”, frühe Führung, lange kompakt verteidigt und spät ein Gegentor kassiert. Doch das Remis im Weserstadion ist weniger das Ergebnis eines einzelnen Fehlers als die logische Konsequenz eines statistisch hochriskanten Spielverlaufs.
Der trügerische Eindruck von Kontrolle
Nach Abpfiff ist schnell vom „wenig zugelassen“ die Rede. Tatsächlich stand Borussia Mönchengladbach lange tief und kompakt, Bremen hatte nur wenige klare Großchancen. Doch defensive Stabilität misst sich nicht allein an der Qualität der Abschlüsse, sondern auch an ihrer Anzahl.
Gladbach verteidigt über weite Strecken passiv. Der Block steht tief, der Zugriff erfolgt spät, Bremen darf zirkulieren, anlaufen und immer wieder abschließen.

Quelle: Sofascore
18 Schüsse und keine Entlastung
Die entscheidende Zahl des Spiels lautet: 18 Schüsse für Werder Bremen. Besonders kritisch ist dabei die Phase nach der Gladbacher Führung. Über mehr als eine halbe Stunde kommt die Borussia auf nur rund 20 Prozent Ballbesitz, die Passquote sinkt auf 56 Prozent. Jeder zweite Ball geht verloren.
Das Spiel findet fast ausschließlich in der eigenen Hälfte statt. Bremen sammelt zweite Bälle, erzeugt Rhythmus und erhöht Abschluss um Abschluss den Druck. Ab diesem Punkt greift die Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Ein Trend, kein Ausreißer
Das Bremen-Spiel steht exemplarisch für eine Entwicklung der letzten Wochen. Während der Siegesserie im November ließ Gladbach im Schnitt 12,8 gegnerische Schüsse pro Spiel zu – ein Wert nahe dem Ligadurchschnitt. Seit Dezember ist diese Zahl deutlich gestiegen.

Quelle: Bundesliga.de
Über mehrere Partien hinweg erlaubt die Borussia ihren Gegnern im Schnitt rund vier Abschlüsse mehr. Rechnet man Spiele gegen absolute Top-Teams heraus, wird das Bild noch deutlicher: plus 7,5 Schüsse pro Spiel. Das entspricht nahezu einem zusätzlichen kompletten Gegner-Spiel an Abschlüssen pro Partie.

Quelle: Bundesliga.de
Warum das statistisch nicht gutgehen kann
Ein einzelner Distanzschuss mit geringer Torwahrscheinlichkeit ist meist harmlos. Doch Wahrscheinlichkeit wirkt kumulativ. Je häufiger ein Gegner abschließen darf, desto größer wird die Chance, dass einer dieser Versuche perfekt trifft – unabhängig davon, wie gut er verteidigt war.
Irgendwann wird aus vermeintlicher Kontrolle in der Wahrscheinlichkeit Münzwurf. Der Ball geht rein oder eben nicht. Wer dauerhaft darauf setzt, dass er nicht reingeht, spielt nicht kalkuliert, sondern gegen die Statistik.
Der Ausgleich als Folge von Dauerbelastung
Der Bremer Treffer fällt spät, nach einer langen Druckphase. Honorat geht nicht konsequent ins Kopfballduell, Marvin Friedrich genauso, Castrop kommt einen Moment zu spät, der Schuss schlägt sehenswert ein. Unhaltbar.
Diese Szene ist weniger ein individueller Fehler als das Ergebnis permanenter Belastung. Wer über lange Phasen nur verteidigt, ermüdet körperlich und mental. Reaktionszeiten verlängern sich, Entscheidungsfindung wird passiver. Genau das zeigt sich beim Gegentor.
Moritz Nicolas hält das Modell am Leben
Dass Gladbach nicht mehr Gegentore kassiert, liegt maßgeblich an Moritz Nicolas. Der Torhüter entschärft 72,2% der Abschlüsse (Quelle: Fbref) und hält seine Mannschaft im Spiel. Doch auch der beste Shot-Stopper kann Wahrscheinlichkeiten nicht dauerhaft schlagen.
Ein Defensivansatz, der viele Abschlüsse zulässt, funktioniert nur so lange, wie der Torwart überperformt, oder die Mannschaft sich in jeden Ball schmeißt. Nachhaltig ist dieses Modell allerdings nicht.
Passive Defensive ist kein Schutz
Gladbach nimmt das Risiko der Distanzschüsse in Kauf, um den Strafraum zu sichern. Doch auch Abschlüsse von außen erzeugen Druck: Nachschüsse, zweite Bälle, emotionale Dynamik beim Gegner. Jeder weitere Versuch erhöht die Trefferwahrscheinlichkeit und den eigenen Energieverlust.
Bremen sollte eine klare Warnung sein
Bremen als Pech oder Ausrutscher zu bezeichnen wäre zu kurz gegriffen. Es ist zum Teil auch die statistische Konsequenz eines passiven Defensivspiels, das auf Dauer nicht trägt. Kompaktheit allein reicht nicht. Wer stabil sein will, muss Situationen rechtzeitig unterbinden, ehe der Gegner zum Abschluss ansetzt.
Ohne mehr Ballbesitzphasen zur Entlastung und aktiveren Zugriff vor dem Strafraum wird die Wahrscheinlichkeit auf Dauer immer wieder zuschlagen.
Oder anders gesagt: Wer eine Münze wirft und dauerhaft auf Kopf hofft, darf sich nicht wundern, wenn Zahl kommt.


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