Kontrollierter, flacher, homogener: Drei Taktik-Thesen zur Saison 25/26

Auch wenn die Saisonvorbereitung mit dem Jubiläum ein Highlight zu bieten hatte, geht doch nichts über Pflichtspiele.
Kurz vor dem Pokalspiel gegen Delmenhorst blickt Florian in die Glaskugel: Wie könnte das Gesicht Borussias in der neuen Saison aussehen?

1. Noch etwas mehr Ballkontrolle

Borussia ist auch unter dem Umschalttrainer Gerardo Seoane immer noch eine der Bundesligamannschaften, die eher den Ball haben wollen als ihn dem Gegner zu überlassen.
Gerade in der erfolgreichen Phase der letzten Saison war das Mehr an Kontrolle, das vor allem Spieler wie Philipp Sander eingebracht haben, ein wichtiger Faktor, um in engen Spielen gute Ergebnisse zu sichern. Wiederholt hat Roland Virkus in schwierigen Phasen mehr Ballkontrolle im letzten Drittel eingefordert und seine Vorstellung auch mit Transfers unterstrichen: Neuzugänge wie Kevin Diks und Jens Castrop zeichnen sich vor allem durch technische Qualitäten aus.

Der Trend zu mehr Kontrolle im Ballbesitz wird sich auch in der neuen Saison fortsetzen. In den Testspielen hat Borussia gezeigt, dass man den Anspruch hat im Positionsspiel Fortschritte zu machen.

Borussia im Dreieraufbau. (Quelle: FohlenTV)

Zu erwarten ist dabei nicht zu sehr, dass Borussia mit besonders ausgefallenen Mustern aufwarten wird: Die Mannschaft baut in der Regel aus einer Dreierreihe auf, bei der die zwei Innenverteidiger entweder durch einen Außenverteidiger (rechts) oder einen Sechser verstärkt werden. Im Mittelfeld bilden der linke (hier im Bild Ranos) und der zentrale Mittelfeldspieler (Stöger) eine Doppelacht, während ein Außenverteidiger (in der Regel der linke) mit dem Stürmer und dem rechten Mittelfeldspieler eine Dreierreihe bildet. Ziel ist dabei die maximale Breite herzustellen.

Viel eher als um die richtige Formation geht es aber um die Konsequenz in der Umsetzung: War man schon letzte Saison im eigenen Aufbau variantenreich und oft schwer zu pressen, fehlte es doch oft im Übergangsspiel am richtigen Timing und vor allem an der nötigen Geduld.
Das Testspiel gegen Valencia hat trotz gutem Ergebnis und engagierter Leistung (vor allem gegen den Ball) vermuten lassen, dass man in dieser Hinsicht über den Sommer nicht viel weitergekommen ist: Viel zu früh wurden tiefe Bälle gespielt, viel zu kurz waren die eigenen Ballbesitzphasen. Ein solcher Fußball fordert mittelfristig Körner – psychisch und physisch.

Betrachtet man allerdings das Freitagabendspiel gegen Brentford (letzte Saison Tabellenzehnter und zumindest unter Ex-Trainer Frank sehr gut organisiert), gibt es Anlass zu Hoffnung, dass die Mannschaft doch ein besseres Gefühl für den eigenen Ballbesitz gefunden haben könnte. So war eindeutig festzustellen, dass die Spieler auch bei höheren Ballgewinnen angewiesen worden sind, der Ballsicherung Priorität zu geben.

Es mag für Fans manchmal unbefriedigend sein, wenn ein Ball aus aussichtsreicher Position erstmal hintenrum gespielt wird – ist für den langfristigen Erfolg, für den der richtige Umgang mit den eigenen Energiereserven immer wichtiger wird, aber unentbehrlich.
Gerade nach dem Wegfall der Scorer von Plea und (vorerst) Kleindienst kann das Heil nicht mehr nur in der Torerzielung liegen – offensive Phase müssen als Teil der Ergebnissicherung verstanden werden. (Ja, damit plädiere ich für das Favresche 1:0 und gegen das Weisweilersche 5:4.)

Gegen Brentford konnte Borussia knapp 60 Prozent Ballbesitz verzeichnen und blieb – anders als wir es leider gewohnt sind – bis zum Ende im Spiel. Der Ausgleich durch Honorat fiel nach einer Ballstafette am gegnerischen Sechszehner und durch einen Schluss aus der zentralen Zone 14.

2. Flach im Raum statt platt am Mann

Dass Seoane der Mannschaft in der letzten Saison durch mannorientiertes Pressing mehr Aktivität gegen den Ball einimpfen konnte, war ein Faktor für die (leichte) Verbesserung zur Vorsaison. Borussia hat dieses hohe Attackieren sicherlich nicht verlernt, wie in den Testspielen gerade dann zu sehen war, wenn der Gegner über den Torwart aufbaute.

In der neuen Saison wird Borussia allerdings wieder stärker im Raum verteidigen. Dabei wird es darauf ankommen dieses tiefere Stehen nicht (wieder) inaktiv werden zu lassen.

Wenn es ums Verteidigen geht, zeigt sich Borussia in der Amtszeit Seoanes äußerst wankelmütig: Oft startet man sehr hoch und aggressiv in die Spiele, um in der zweiten Halbzeit immer tiefer zu fallen und (mehr oder weniger) passiv im tiefen Block zu stehen.

Das ist nicht nur nervenaufreibend für uns Zuschauer*innen, sondern über eine Saison hinweg auch ineffizient: Statt in einem gesunden Mix mit den Kräften hauszuhalten, wirkt es so, als würde man so lange Gas geben, bis der Sprit alle ist. Wenn die körperliche Verfassung über Sieg oder Niederlage entscheidet, schiebt man die Verantwortung für den fußballerischen Erfolg aber in Konsequenz von der Trainer- zur Massagebank. Das kann nicht der Anspruch sein.

Die Sommertests legen zumindest nahe, dass das Trainerteam ein Bewusstsein für das Problem hat. Auch der bereits angesprochene Aderlass an individueller Qualität erfordert zwingend einen Ansatz, der das Kollektiv stärkt.

Borussia verteidigt kompakt im 4-2-4. (Quelle: FohlenTV)

Auf die Arbeit gegen den Ball gemünzt, kann das konkret bedeuten: Borussia zieht Stürmer und Zehner zwischen die beiden Flügel, die so eine Phalanx bilden, mit der man das Zentrum verriegelt. Die gegnerischen Sechser werden dabei in den Deckungsschatten genommen, während Borussias Sechser den Zwischenraum bewachen und auf das Einrücken gegnerischer Offensivspieler reagieren können. Die gegnerischen Aufbauspieler werden zum Spiel auf die Flügel gezwungen, wo Borussia schließlich deutlich besser (weil mit weniger eigenem Risiko verbunden) im Pressing zugreifen kann.

Bei dieser Herangehensweise kommt es darauf an, dass die Abstände zwischen den Linie stimmen und man nicht zu tief steht. Haris Tabakovic scheint insofern ein guter Vertreter Kleindiensts zu sein, als dass er sich in der Laufarbeit und bei der Kommunikation mit seinen Mitspielern bisher sehr aktiv zeigt. Als vorderster Verteidiger muss er zwingend Verantwortung übernehmen. Das wird nicht weniger wichtig sein als seine Scorer.

3. Ein Team ohne Gewinner und Verlierer

Hätte er sich nicht verletzt, wäre Wael Mohya ohne Zweifel der große Gewinner der Sommervorbereitung gewesen. Es bleibt zu hoffen, dass er nach seiner Rückkehr in einigen Wochen an seine Form anknüpfen kann und seine hochverdienten Einsatzzeiten in der ersten Mannschaft bekommt.

Sieht man von Mohya ab, muss man lange suchen, um Gewinner auszumachen. Das muss aber kein Makel sein: Borussias Kader ist leistungstechnisch so nah beieinander wie lange nicht.

Viele kleine, große, manchmal auch schmerzhafte Schritte haben dazu geführt, dass Borussia zwar Qualität einbüßen musste, dafür aber nicht nur im Gehaltsgefüge gesünder geworden ist, sondern auch auf sportlicher Ebene homogener dasteht als noch vor zwei Jahren: Diese Entwicklung zeigt sich nicht zuletzt im Bruch mit brüchig gewordenen Hierarchien, den die Entscheidungen Seoanes über das Kapitänsamt, den Mannschaftsrat und die Nummer 1 ausdrücken.

Betrachtet man exemplarisch zum Einen den Ersatz von Lasso Plea durch Shuto Machino und zum Anderen die sich anbahnende Wachablösung Julian Weigls durch Philipp Sander, dann kann man natürlich beklagen, dass zwei überdurchschnittliche Techniker weniger auf dem Platz stehen. Allerdings kann man auch feststellen, dass Machino und Sander deutlich mehr Athletik bieten OHNE fußballerisch blind zu sein: Sie sind Allrounder und damit geeignetere Spieler für Borussias aktuelle Strategie.

Homogenität erlaubt es dem Trainer (zumindest in Theorie) mit Ausfällen besser umzugehen und seinen Stil konsequenter durchzubringen. Sie verspricht weniger Ausschläge nach oben und unten.
In einer Saison, in der es mehr als zuvor auf die inhaltlichen Fähigkeiten des Trainerteams ankommt, ist zumindest das keine schlechte Voraussetzung.

Es ist an Seoane und seinem Staff aus der Homogenität eine Stärke und aus dem Kader ein Kollektiv zu machen. Ein Selbstläufer wird das nicht – soviel steht fest.

Hinterlasse einen Kommentar