St. Pauli presst Gladbach weg – Taktikanalyse FCSP vs BMG (1:1)

Borussia Mönchengladbach trennt sich von St. Pauli mit einem 1:1 und darf sich geschmeichelt fühlen, nicht verloren zu haben, denn: Die Gastgeber haben die Fohlen in allen Spielphasen über weite Strecken des Spiels dominert. Im vordersten Pressing hat Alexander Blessin clevere Abläufe integriert, um Gladbachs üblichen Muster zu verhindern. Im eigenen Ballbesitz spielte man sehr sicher und zudem präsent in der zweiten Zone mit vielen Positionswechseln, die Borussia vor komplizierten Aufgaben in ihrem Pressing stellten. Dazu kam, dass die Elf von Trainer Blessin gut in der Restverteidigung strukturiert war und physisch viele Bälle früh zurück erobern konnten. So entstand ein Spiel, welches lediglich in Gladbachs Spielhälfte stattfand. Aber: Der Reihe nach!

Eine Analyse von @denizguelr.

St. Pauli dominant im Pressing – Blessin stellt sein Team optimal auf BMG ein

Die Aufsteiger aus Hamburg waren von Beginn an optimal von Trainer Blessin auf Gladbach eingestellt. Sie wussten, dass Seoanes Elf gerne aus einem 4-2 im tiefen Block aufbaut und über die Sechser – mit einem hohen Passtempo – in die Verlagerung kommt. Dies wussten sie früh zu unterbinden: Im hohen Pressing sortierte sich St. Pauli in einem 3-1-3-3. Die vordere 3er-Pressinglinie stellte dabei Weigl und Reitz zu, während Sinani als mittlerer Part der Kette den Torwart im entsprechenden Bogen anlief, um einen Innenverteidiger zu schneiden. So lenkte man Gladbach auf die Flügel. Dort warteten die hochgerückten Flügelverteidiger Treu und Saliakas, die auf dem Sprung zu Scally und Ullrich waren.

Bildquelle: Wyscout
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Es fiel stark auf, welchen Fokus die vordersten Drei der Gastgeber im Aufbauspiel der Gladbacher hatten: Nach Ballverlust schoben die äußeren Halbstürmer, Saad und Weißhaupt sofort von der Breite in den Halbraum ein und schlossen Gladbachs Sechser. Gleichzeitig lief Sinani breits den ballführenden Innenverteidiger an. So hatte Gladbach nie die Zeit zu zirkulieren und gleichzeitig nur die Option auf die Flügel zu spielen. Auf dem Flügel selbst packte man aggressiv zu und führte die Zweikämpfe – selbst in diesen intensiven Momenten war ständig jemand darauf bedacht, Gladbachs Sechser zuzustellen, um diagonale Zuspiele zu verhindern. Meist war es Sinani, der im Zentrum noch Elvedi oder Itakura presste, der dann im zweiten Schritt manndeckend gegen Weigl verteidigte. Schaffte es Gladbach vereinzelt mal aus dem akuten Druck long-line am Flügel durchzuspielen, sorgte Sechser Smith für die Überzahl und schob aus dem Zentrum heraus in Ballnähe. Die Kombination aus cleveren Abläufen im Pressing, der Aggressivität und Intensität, sowie der Überlegenheit der Gastgeber im physischen Bereich, war für Gladbach an diesem Tag zu viel.

St. Pauli im Pressing – Videoquelle: Wyscout

BMG zu mutlos gegen manndeckende St. Paulianer

Seoane ist als Trainer dafür bekannt weiträumige Staffelungen zu nutzen. Die Vorteile dieser Prinzipien sind in den letzten Analysen intensiv beleuchtet worden. So, wie alles im Fußball, gibt es für jede Spielstrategie Vor- und Nachteile. Gegen intensive Manndeckungen des Gegners sind weiträumige Staffelungen von Nachteil, weil die Passdistanzen sehr weit sind. Der Gegner hat somit im direkten Zweikampf den Vorteil, dass sein Gegenspieler einen langen Pass antizipieren muss, der zudem meist nicht optimal gespielt ist. Dazu kommt, dass umso größer die Räume sind, desto athletischer und physischer das Spiel wird. Gerade die letztere Spielkomponente hat St. Pauli in beeindruckender Art und Weise dominiert: Sechser Smith, Innenverteidiger Nemeth und Wahl (alle gewannen 66% ihrer Bodenzweikämpfe) räumten vieles im direkten Duell ab.

Borussia muss in diesen Phasen des Spiels engere Abstände gewinnen. Kürzere Distanzen erhöhen einerseits das Passtempo, andererseits die Passqualität. Durch das Zusammenziehen verschiedener Mannschaftsteile schafft man auch beim Gegner enge Räume, in denen technische Qualitäten Überhand gewinnen. Bei Borussia fiel auf, dass Philipp Sander fehlt. Der Mittelfeldakteur war in den vergangenen Monaten maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Ballzirkulation im tiefen Block an Qualität und Rhythmus gewann. Rocco Reitz hat Schwierigkeiten diese Aufgaben zu erfüllen. Er neigt dazu die Dynamik aufrecht zu erhalten und setzt dies meist auf Ballseite um – spielt also ohne Verlagerungen. Das provoziert ständige, direkte Duelle – die Borussia, wie bereits geschrieben, meistens verlor (36% Bodenzweikämpfe – BMG).

Gladbachs Probleme im Aufbauspiel – Videoquelle: Wyscout

Borussias Probleme ziehen sich durch – Pressingprobleme gegen dynamischen Aufbau

Mönchengladbachs Schwierigkeiten im Druckaufbau gegen St. Paulis Aufbauspiel – Videoquelle: Wyscout

Borussia hatte gegen den Ball Probleme Druck auf Gegenspieler und vor allem Ball zu erzeugen. Das hatte zwei Gründe: St. Pauli besetzte ihre Flügel doppelt mit Flügelverteidiger Treu und Saliakas und Flügelstürmer Saad und Weißhaupt. Das zwang Gladbach auf der rechten Seite dazu, dass Honorat mit Treu – der teils hoch in die letzte Linie schob – mit fiel. Scally war bereits von Saad gebunden. Durch Honorats Fehlen im vorderen Block, konnte LIV Ritzka große Räume zum andribbeln nutzen. Andererseits ließ sich Sechser Smith dynamisch in die Kette fallen und schaffte somit einen 4er-Aufbau. Dadurch konnten beide Halbverteidiger Ritzka und Nemeth breit schieben. Durch diese Staffelung streckte man Gladbachs erste Pressinglinie horizontal mit Hack, Kleindienst und Plea. Diese hatten zu weite Wege, weil St. Pauli in Not immer auf ihre weite Überzahl im Zentrum (2vs1: Smith und Wahl vs Kleindienst) zurückgreifen konnten. Meistens konnten sie sogar durch das Zentrum hinweg über Irvine durchspielen, oder über ihr Dreicksspiel im Halbraum.

Zweite Halbzeit: BMG spiegelt Gegner erneut

Bildquelle: Wyscout

Die Fohlen versuchten sich in der Halbzeitpause anzupassen und nahmen eine Änderung vor, die sie so schon gegen Leipzig in der Vorwoche umgesetzt hatten – sie spiegelten den Gegner, um einfache Zuteilungen zu haben. Aus dem ursprünglichen 4-2-3-1 wurde ein 5-2-3. Honorat wurde zum „festen“ Flügelverteidiger der 5er-Kette, während Hack ihn im Halbraum in vorderster Linie unterstützte. Plea wich auf die halblinke Seite und bildete dort das Duo mit Ullrich. Die Probleme verschoben sich mit der Anpassung lediglich, denn: Reitz und Weigl standen höher – in direkter Manndeckung, was das Zentrum und generell Fläche vor der Abwehr vergrößerte. Deutlich wird das zum Beispiel in der Statistik, die aufzeigt, dass St. Pauli 62% ihrer Angriffe im Zentrum bespielte und einen xG von 1.01 kreierte.

Angriffsschwerpunkte St. Pauli – Quelle: Wyscout

St. Pauli bindete zudem ihren Keeper Vasilj stärker ein, um gegen die 1vs1-Zuteilung Überzahl im Aufbau zu erzeugen. Der 29-jährige Torhüter überzeugte mehrmals mit progressiven Flachpässen, die ihre Mitspieler fanden. Durch die hohe Bindung beider Sechser – Reitz und Weigl – war eigentlich einer der beiden Innenverteidiger – Itakura / Elvedi – gezwungen vorzuverteidigen. Problematisch dahingehend war jedoch, dass beide Innenverteidiger im Gegensatz zur Vorwoche eine schwache Partie spielten (Elvedi mit einer Zweikampfquote von 16% in der Luft und auf dem Boden; Itakura immerhin mit 100% in der Luft, jedoch mit nur 25% auf dem Boden). Des anderen wurden sie im Zentrum durch Einrückbewegungen der Flügelstürmer, meist Saad, gebunden, sodass Sinani als Zehner große und freie Räume genießen konnte.

Bildquelle: Wyscout

Mit der Einwechslung von Stürmer Guilavogui für Innenverteidiger Ritzka, hatte St. Pauli eine konstante Postionsbesetzung im Zentrum der letzten Angriffslinie, sodass Sinani mit zunehmender Spieldauer immer mehr Einfluss auf das Spiel in breiten Positionen einnahm. Sinanis Möglichkeiten an Reitz und Weigl vorbei in die letzte Linie durchzuspielen waren gegeben, denn: Die Gastgeber nutzten die Passwinkel aus sämtlichen Zonen so aus, dass sie immer in zentrale Zonen reinspielen konnten. Durch die hohe Staffelung der Sechser Gladbachs, war dies zugegeben relativ einfach zu bespielen.

Bildquelle: Wyscout

Zweite Bälle: St. Pauli frisst Gladbach physisch auf

Bildquelle: Wyscout

St. Pauli schaffte es nummerisch in Überzahl bei zweiten Bällen zu sein, wenn sich einerseits Gladbach aus dem tiefen Spielaufbau zu langen Bällen gezwungen fühlte, anderseits auch, wenn die Gastgeber selbst lange Bälle spielten. Die Verbindung zwischen Smith und Irvine waren oft gegeben – so auch innerhalb der Dreierkette. Sinani setzte sich bei eigenen langen Bällen in HZ1 ab, um eine geeignete Staffelung für den zweiten Ball zu gewinnen. Die Statistik rund um die Zweikämpfe der freien Bälle belegen dies eindeutig: St. Pauli gewann 70% dieser Bälle.

Datenquelle: Wyscout
St. Pauli in Duellen um den zweiten Ball – Videoclip: Wyscout

Fazit: St. Pauli dominiert BMG in allen Spielphasen

Letztendlich muss man festhalten: St. Pauli hat die Borussia in allen Spielphasen über weite Strecken des Spiels dominiert. Zudem hatten sie klare Torchancen für 2 Tore und weitere Halbansätze, die aus Gladbach-Sicht allerdings rechtzeitig verpufften. Ein starker Auftritt der St. Paulianer, die von Trainer Blessin optimal auf Gladbach eingestellt waren. Die Abläufe waren sinnig und sehr gut umgesetzt – des Weiteren war man dem Gegner physisch eindeutig überlegen, sodass die formstarke Borussia zu keinen Spielanteilen kam.

Für die Fohlen bedeutet das: Größeren Mut beweisen, wenn es darum geht, nah am gegnerischen Druck zu spielen – denn welche Option hat man noch, wenn die langen Bälle allesamt verloren gehen? Außerhalb dessen ist die Spielstrategie gegen Manndeckungen in engen Abständen die Geeignetere – auch aus defensiven Gesichtspunkten, wenn man den Ball verliert, ist das Gegenpressing einfacher auszuüben. Im tiefen Block behielt man über sehr lange Zeiten die Übersicht im Verteidigen und ließ dabei wenig konkretes zu. Das ist eine Entwicklung gegenüber 23/24 – darf aber nicht mehr so maßgebend für die Spielbeurteilung in Zukunft sein, möchte Borussia tatsächlich um die Top-6 spielen.

Eine Analyse von @denizguelr.

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3 Antworten zu „St. Pauli presst Gladbach weg – Taktikanalyse FCSP vs BMG (1:1)”.

  1. Avatar von Nach dem Spiel - Borussia Mönchengladbach (H) - Spieltag 28 - Saison 2024/2025 - MillernTon

    […] St. Pauli presst Gladbach weg – Taktikanalyse FCSP vs BMG (1:1) – Deniz von BorussiaXplained […]

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  2. Avatar von Podcast nach FCSPBMG: #148 – Rheinkirmes (ft. Millernton) – BorussiaXplained

    […] Die Taktikanalyse von Deniz zu #FCSPBMG ist bereits online. Hier könnt ihr reinlesen! […]

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  3. Avatar von Warum Borussia so viel besser ist als in der letzten Saison – BorussiaXplained

    […] Mannorientierung gepresst wird. Nicht zuletzt das Gastspiel bei St. Pauli zeigte (Deniz analysierte hier), dass die Fohlen noch nicht jede Situation mit kontrolliertem Ballbesitz lösen […]

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